Reportage Medicojournal

Das ewige Jetzt
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Hans-Peter Meier vor der «Leerlaufmaschine» Heureka von Jean Tinguely.






Am liebsten hätte ich die Zeit selbst gefragt, was sie ist, wo sie herkommt und ob sie noch lange bleiben will. Was sie den ganzen Tag so macht und ob es für sie ok ist, was wir mit ihr anstellen. Ich habe aber niemanden gefunden, der weiss, wo die Zeit gerade ist. Die, die Zeit haben, denken nicht über sie nach, und die anderen sitzen in einem Meeting. So habe ich mir lange überlegt, wer mir die Zeit erklären soll. Ich entscheide mich für eine rationale und eine emotionale Sichtweise. Norman Sieroka, Doktor der Physik und Philosophie, widmet seine Zeit der Zeit. Hans Peter Meier, Surprise-Strassenverkäufer, hat die Herrschaft über seine Zeit abgegeben und wieder zurückgewonnen.


Norman Sieroka forscht an der ETH Zürich und ist Autor der 2018 erschienenen Buchpublikation «Philosophie der Zeit – Grundlagen und Perspektiven». Hans Peter Meier war IT-Spezialist, leistete 365 Tage im Jahr Bereitschaftsdienst für sein Unternehmen, das Börsensoftware vertrieb. Nach einer beruflichen und privaten Krise verkauft er jetzt am Bellevue das Strassenmagazin Surprise.

«Zeit ist zuerst einmal ein Ordnungsparameter der es uns erlaubt, Ereignisse zu sortieren und zu gliedern.»

Es ist ein trockener, analytischer Boden, auf den mich Herr Sieroka ins Land der Zeit führt, aber es ist ein fester Boden. Ich gehe mit. Bevor wir weiterschreiten, zeigt mir Herr Sieroka erst einmal, wer die Landschaft der Zeit bereits erforscht, die sich mit jeder Sekunde weiter ausbreitet. «Mit dem Thema Zeit beschäftigen sich viele Wissenschaften. Mich als Philosoph interessiert, die verschiedenen Erfahrungsbereiche in Beziehung zueinanderzusetzen», erklärt Herr Sieroka seine Faszination.

Ich erfahre, dass sich die Soziologen aktuell sehr für die Zeit interessieren. Sie behaupten, die Zeit selbst würde sich im Alltag und in der Arbeitswelt beschleunigen und das Bedürfnis nach einer Entschleunigung wachsen. Die Historiker wollen wissen, wie vergangene Zeiten für uns heute verständlich gemacht werden können. Musiker sehen sich als Zeitkünstler.

Die Chronobiologie untersucht, zu welcher Tages- und Nachtzeit wir uns gut fühlen, wer Früh- oder Spätaufsteher ist. Und daraus ergibt sich beispielsweise die gesellschaftlich relevante Frage, wann die Schule morgens am besten beginnen sollte. Auch die Politikwissenschaft will die Zeit besser verstehen lernen und tüftelt im Subgenre Chronopolitik an der perfekten Taktung der Strategie innerhalb politischer Systeme. Wann informiere ich wen, wann wird welches Gremium oder Parlament gewählt?

Auch Herr Meier kennt den Anspruch, alles aus der Zeit herauszuholen, sehr gut. Herr Meier verantwortete eine Handelssoftware für die Börse, wo Ausfälle von Sekunden zu Millionenverlusten führten. Die Maschine musste immer funktionieren, also musste auch der Maschinenmeister immer funktionieren. 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag, 30 Jahre lang 3 – 4 Stunden Schlaf pro Nacht. Herr Meiers Zeit gehörte dem Unternehmen. In der wenigen Zeit, die ihm blieb, entwickelte er Sehnsüchte und versuchte, die verlorene Freizeit nachzuholen, den Stress zu kompensieren. Er begann zu trinken. Sein Leben geriet aus dem Takt, der Alkohol spülte die Grundpfeiler weg, auf dem sein Leben stand. Herr Meier verlor seine Stelle, eine neue Zeit begann. Als passionierter Bergsteiger versteht Herr Meier auszuharren.

«Wenn du zehn Stunden im Biwak warten musst, bis es wieder hell wird, ist das eine Ewigkeit.»

Er weiss, dass es kalt und dunkel ist, aber er weiss, dass auch diese Zeit vergehen wird. Nur überleben muss er selber.

Ist es die Zeit in der wir leben, die Herrn Meier aus dem sich immer schneller drehenden Hamsterrad geschleudert hat und Themen wir Burnout auf die Titelseiten bringt? Ein Ausbrennen, das Herr Meier mit Alkohol gelöscht hat? Können wir überhaupt mit der Zeit in dieser monotonen Form leben?

Seit dem Zeitpunkt unserer Geburt ist die Zeit unser Taktgeber. Immer im gleichen Rhythmus, ticktack, ticktack. Wie ein Militärmarsch schreitet die Zeit durch unser Leben. Hören wir aber auf unseren eigenen Puls, hören wir etwas anderes. Ba-dumm, Ba- dumm. Ein Rhythmus, in Wechselwirkung mit dem Leben und der Beanspruchung. Schlafen, Rennen, Warten – alles hat seinen eigenen, natürlichen Rhythmus. Nicht so die menschengemachte Uhrzeit. Sie marschiert wie eine Maschine. Führt diese Asynchronität zwischen den zwei Systemen nicht zwangsläufig dazu, uns an der Zeit zu reiben? Die Natur lebt ja von Kreisläufen, nicht von Linearität. Jahreszeiten, Saat und Ernte, Geburt und Tod, alles kommt und geht.

«Wir brauchen beides», klärt mich Herr Sieroka auf. «Die wiederkehrenden Ereignisse der Natur, aber auch das lineare Fortschreiten. Jedoch kann ich den Trend, dass die Lebensweise aktuell durch den wirtschaftlichen Kontext bestimmt wird, bestätigen. Aber das gilt nicht für alle Berufe. Es hat zum Beispiel niemand etwas davon, wenn der Tramchauffeur schneller arbeitet, also seine Strecke schneller abfährt. Weder kommen

Sie pünktlicher ans Ziel, noch er früher in den Feierabend. Hier steht Takt, Rhythmus und Synchronizität vor der Geschwindigkeit. Auch kann ein Koch ein Dreiminutenei nicht in zwei Minuten kochen. Das viel gescholtene Hamsterrad werden Sie übrigens auch im Kloster nicht los. Dort bestehen strikte Regeln, wann Sie zu essen haben, wann gebetet wird und so weiter.»



Stellt man sich die Zeit aus vor uns liegende, ausgrollte Filmrolle vor, bestimmt jedes einzelne Bild das nächste. Wie Herr Sieroka in seinem Buch beschreibt, gibt es zwei, beziehungsweise drei Standardpositionen in der Metaphysik der Zeit. Die statische Position und die dynamische Sichtweise. Für die Vertreter der statischen Position bestehen immer sämtliche Ereignisse – egal ob sie vergangen, gegenwärtig oder zukünftig sind. Für die Vertreter des dynamischen Konzepts besteht nur die Gegenwart, oder Vergangenes und Gegenwärtiges. Ein für Gesellschaftsfragen entscheidender Unterschied, der mein Handeln im Jetzt beeinflusst, wenn ich mir zum Beispiel die Frage stelle, ob es die zukünftigen Generationen schon gibt oder nicht. Wenn es nur das Jetzt gibt, braucht es mich dann zu kümmern, welche Folgen mein Handeln hat? In die Vergangenheit gedacht, stellt sich die Frage nach der Generationengerechtigkeit, also ob zum Beispiel die Nachfahren die Schuld ihrer Vorfahren erben.

Es führen viele Wege ins Land der Zeit und viele Möglichkeiten, sich ihr zu nähern. Ob wir sie jemals ganz begreifen werden? Herr Sieroka zögert. «Innerhalb der verschiedenen Disziplinen werden Fortschritte gemacht.» Rational oder emotional, die Zeit scheint doch mehr als eine messbare Grösse zu sein. Eine Übergrösse, die wir spüren, aber nicht greifen können. Die uns mit Gedanken über Vergangenheit und Zukunft austrickst, uns aber nie aus dem ewigen Jetzt entlässt.

Entscheidend für unsere Gegenwart ist, und hier decken sich die Erfahrungen von Herr Sieroka und Herr Meier, die Zeitqualität. Was wir mit der Zeit anstellen und vor allem, wer über unsere Zeit bestimmt. Herr Meier hat für sich die Antwort gefunden: «Ich bin glücklich darüber, wieder Herr über meine eigene Zeit zu sein.»




PD Dr. Dr. Norman Sieroka forscht an der ETH Zürich.
Mark