Rhythmus und Revolution


medico JOURNAL



Eines Tages ist es soweit. Du schreist. Du schreist dir die Lunge aus dem Leib, weil die Welt, die dein Zuhause war, weg ist. Wo Wärme war ist Kälte, wo Nahrung war ist Hunger, wo wohlige Dunkelheit und Stille war ist greller Lärm. Du schreist, weil schreien alles ist, was du jetzt kannst. Schreien ist das, was deine Lungen mit Luft füllt und dich am Leben hält. Ein Wendepunkt, der einmalig ist in unserem Leben und ohne den wir nicht leben könnten. Das Leben hat verlangt, dass sich etwas ändert und du musst dich darauf einstellen. Oder du stirbst. Und also wurdest du geboren und schreist, um zu leben. Von den weiteren Wendepunkten in deinem Leben weisst du noch nichts. Aber sie kommen. Wie Revolutionen, in kurz-, mittel-, oder langwelligen Rhythmen. Rhythmen, mit denen dich das Leben zum Tanz auffordert.

Wer diesen Rhythmus vorgab, wusste Jelena* als Kind noch nicht. Aber sie spürte das Metrum, das ihr Leben schreiben sollte, schon sehr früh, und erwiderte die Aufforderung zum Tanz. In der Schweiz aufgewachsen, lebte sie bis ins Teenager-Alter mit ihrer Mutter und dem Stiefvater. Zwei prägende Kräfte beeinflussten ihre Jugendjahre: Der frühe Kontakt zu Tanz und Theater durch Weiterbildungen und Schauspielschule sowie die streng religiöse Erziehung des Stiefvaters. Das Konfliktpotenzial dieser zwei Pole warf immer wieder Wellen, bis sich Jelena entschied, ihren ersten grossen Wendepunkt in ihrem Leben zu bestimmen. Trotz der Liebe zu ihren Eltern – und manchmal auch Hassliebe zu ihrem Vater – entschied sich Jelena, sich ihrer Leidenschaft für den Tanz in einer anderen Stadt voll hinzugeben. «Ende 20 wusste ich, jetzt ist fertig Larifari. Ich muss mich weiterentwickeln. Und dazu gehört, mich von meinen Eltern zu emanzipieren, so sehr ich sie auch liebe.» Ein rationaler Entscheid, den sie durch ihre Intuition gestützt sah. In welcher Stadt die junge Tänzerin ihren Wendepunkt wahr machen wollte, war ihr bald klar, hatte sie doch in der Region schon intensive Erfahrungen gemacht. Als freiwillige Helferin betreute sie Erdbebenopfer, vor allem traumatisierte Kinder. Durch den intensiven Kontakt mit der Bevölkerung vor Ort wuchs ihre Bindung zu den Menschen und der türkischen Kultur täglich, bis sie sich klar wurde, «hier gehöre ich hin».




Wendepunkt erste Revolution

Die neue Stadt nahm sie mit offenen Armen auf und verlieh ihrem Leben einen neuen Rhythmus, hier kann sie ihr Talent end- lich von der Leine lassen. Das vibrierende Leben in den Gassen, die allgegenwärtige Musik, die Offenheit der Menschen und die kulturelle Nähe zum Tanz lassen die Fremde schnell zur Heimat werden. Aber Jelenas Revolution endet nicht mit der Ankunft in der neuen Stadt. Sie ist hier, um ihre eigene Revolution zu starten. Jelena befasst sich immer eingehender mit der türkischen Kultur und beginnt sich mit Herkunft und Geschichte der Menschen zu befassen. Natürlich immer mit Blick auf den von ihr so geliebten Tanz. Sie entdeckte die vielen Facetten des mittlerweile oft zur Touristenattraktion verkommenen Tanzes und gibt ihm durch ihre eigene Interpretation neue Kraft.

Ein voller Erfolg und Wendepunkt in ihrem Leben. Überall in der Stadt will man jetzt den neuen Stil dieses Tanzes sehen, den die Einwohner so gut zu kennen glaubten. Die ansässigen Intellektuellen beschreiben den neuen Stil als Revolution. Es folgen unzählige Auftritte und schlussendlich sogar eine Welttournee. Durch ihre Bekanntheit konnte sie auch in diversen Filmen und Serien mitspielen und sich so als Schauspielerein beweisen. Erfahrungen, die für Jelena sehr befreiend wirken und sie in ihrem Tun bestätigen. Viel schöner ist für sie aber, dass sie der Stadt, die ihr so viel gegeben hat, durch neue Impulse etwas zurückgeben kann.
Wendepunkt zweite Revolution

Man weiss nicht, wie und wann das Leben entscheidet, anders zu werden. Alles läuft wie immer. Und dann steht man eines Morgens auf und hat das Gefühl, über Nacht sei etwas passiert, von dem alle wissen, nur du nicht. Du weisst nicht, was es ist, aber du weisst, da ist etwas. Du siehst dich um aber entdeckst nichts Neues. Alles ist an seinem Platz. Du gehst zum Fenster, siehst auf die Strasse und die Menschen tun, was sie immer tun. Du guckst in den Spiegel und das bist immer noch du. Du siehst aus wie immer, gehst wie immer, isst wie immer. Du überlegst, was es sein könnte und mit jedem neuen Gedankengang schärfen sich deine Sinne. Jede Kleinigkeit versuchst du zu interpretieren und durch die Verunsicherung scheinen sie bedrohlich. Das Zittern eines Grashalmes im Wind, das schreiende Kind, der unfreundliche Blick deines Nachbarn gestern Abend.

So geht es Jelena eines Morgens, bevor sie das Haus verlässt und auf ihre geliebte Strasse in ihrer Traumstadt einbiegt. Und mit ihr das ungute Gefühl, der ungebetener Gast, von dem sie nicht weiss, woher er kommt, wie er heisst, was er will und wie
lange er bleibt. Unbewusst geht Jelena schneller als üblich, um das Gefühl loszuwerden, das wie der Fetzen einer Zellophan-Verpackung, elektrostatisch geladen, an ihr kleben bleibt und sich nicht abschütteln lässt. Und genau hier, in ihren geliebten, von Improvisationen belebten Strassen voller Musik und
Leben, genau hier, wo Jelena hofft, das unbestimmte Gefühl loszuwerden, das ihr wie Asthma die Luft zum Leben streitig macht, nimmt sie die kleinen Veränderungen wahr, die der Stadt – langsam aber stetig wie Rost – ihren Glanz nehmen.

Die Gesinnung hat sich geändert. Ein Gedanke, der Jelena mit einem Wimpernschlag all die Kleinigkeiten vor Augen führt, die sie in den vergangenen Wochen nur unbewusst wahrgenommen hat. Der Neubau um die Ecke. Der geschlossene Park, durch den sie sonst immer spazierte. Die wie zufällig, in ihrer Wiederholung aber doch durchdringend intensiv geäusserten konservativen Werte gewisser Leute. Die Menschen sprachen immer mehr

über Geld als über Kultur, das ganze Lebensgefühl glich sich mehr und mehr den globalen Trends an und zerrte an der Seele der Stadt. Jelena weiss noch nicht, warum es soweit gekommen ist. Sie weiss aber auch nicht, dass dies erst der Anfang einer umwälzenden Entwicklung ist. Jelenas erster Gedanke nach der Realisation der Veränderungen ist «ich muss hier weg.» Aber sie möchte ihrer eigenen Entdeckung nicht glauben. Wie man es nie glaubt, wenn man sich verliebt und man eines Tages entdeckt, das die oder der andere vermeintlich plötzlich, aber im Nachhin- ein erkennbar schleichend, ein anderer geworden ist.

Sechs Monate bleibt Jelena noch in der Stadt, die immer weniger die ihre wurde. Die Entwicklung, die dafür verantwortlich war, wurde von aktuellen Machthabern ausgelöst und immer dras- tischer umgesetzt, bis Proteste der Bevölkerung mit Tränengas aufgelöst wurden. Als die ersten Verhaftungen von Protestanten einsetzten entschloss sich Jelena zur Flucht zurück in die Schweiz.




Wendepunkt Neuanfang

In ihrer ersten Heimat angekommen, steht Jelena unter Schock und verfällt, ausgelöst durch die Erlebnisse in ihrem ehemaligen Paradies, in eine Depression. Aufgrund ihrer eigenen Situation, aber auch, weil sie mit sich hadert. War es richtig, all ihre Freunde zurückzulassen? Hätte sie nicht an ihrer Seite weiterkämpfen sollen? War es egoistisch von ihr, einfach in die Schweiz zurück- zukehren? Keiner ihrer Freunde kann einfach das Land verlassen und in ein anderes, stabiles und sicheres fliehen. Jelena schon, sie ist Schweizerin. Moralisch zerworfen besucht sie ihr ehemaliges Paradies immer wieder, was die Zerrissenheit aber nur verstärkt. Zwei Wege halbherzig zu gehen bringt sie nicht weiter. Sie entscheidet sich, dass das, was sie in dieser Stadt erleben sollte und das, was sie für diese Stadt tun konnte, jetzt endet und zieht endgültig in die Schweiz. Wichtig ist jetzt die Verarbeitung dieses schmerzhaften Wendepunktes. Jelena merkt, wie das Erlebnis ihren Blick auf die Welt und ihre Zusammenhänge verändert.

In ihr drehen sich Gedanken über Politik, Macht, Menschliches und Unmenschliches. Sie merkt, dass ihr dieses Gedankenkreisen nicht gut tut, sie blockiert und verharren lässt. Jelena tanzt nicht mehr. Nur langsam kann sie sich gedanklich von der Vergangenheit lösen und unternimmt zögerlich Versuche, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Sie ist erfahren genug um zu wissen, dass diese Prozesse Zeit brauchen. Und mit der Zeit erkennt sie, rückblickend auf ihre eigene Geschichte, dass sie ihre Wendepunkte immer erst innerlich erlebt, erahnt hat, bevor sie sich in der äusserlichen Welt manifestierten. Der Wunsch zu tanzen, der Wegzug von zu Hause, die Ahnung der kommenden Verände- rung, die nicht greifbar war, aber flüchtig in der Luft lag. Zurück in der Schweiz hat sich der Rhythmus geändert. Aber auch diese Änderung ist eine Aufforderung des Lebens zum Tanz. Nicht ex- plosiv und erobernd wie zu Beginn ihrer Zeit in der neuen Stadt.


Langsam, vorsichtig und lernend geht sie die ersten Schritte an. Sie merkt, dass sie die vergangenen Erlebnisse verändert haben. Und sie merkt, dass sich auch ihr Tanz verändert hat. Nicht besser, nicht schlechter, einfach anders. Weil sich der Rhythmus geändert hat. Aber sie tanzt wieder. Auch das ist eine Revolution. Nicht eine grosse, politische wie in der geliebten Stadt. Aber eine kleine, private, die ihr hilft, sich aus der Blockade zu winden und ihren nächsten Wendepunkt zu definieren. «Jetzt», so Jelena, «spüre ich, dass die Unruhe in mir nachlässt und ich vor einem neuen Wendepunkt stehe, der mich auf den Weg zum inneren Frieden führt.»

Enttäuschungen besieren ja oft nicht auf dem eintretenden Ereignis, sonder aufgrund der Erwartungshaltung der in Erwartung befindlichen Person. Handeln Mitmenschen nicht so, wie ich es erwarte, bin ich enttäuscht. Veilleicht ist das doch eher mein Aufmerksamkeitsdefizit, nicht das meines Vis-à-vis. Hätte ich besser zugehört, mich nach der Befindlichkeit erkundigt und mehr Empathie statt eines egoistischen Tunnelblicks gezeigt, hätte ich dem Betroffenen weniger das Gefühl gegeben, nicht zu genügen.

Meine Normaloscheuklappen haben nichts anderes zugelassen. Wir können den Davids da draussen, die gegen ihre täglichen Goliaths kämpfen weitere Steinschleudern schenken. Indem wir nicht sie uns anpassen, sondern unsere Erwartungshaltung anpassen. Jeder Mensch ist anders.

Nicht besser, nicht schlechter, einfach anders. Wenn wir, basierend auf dem Triggerkonzept von Horlitz und Schütz davon ausgehen, dass Motivation, Selbstwert und Interessen zum Hyperfokus führen und somit Höchstleistungen möglich machen, sollten wir nicht da bohren, wo es weh tut, sondern Umstände schaffen, die die Betroffenen ihre Fähigkeiten ausleben lässt. Wer weiss, was im Rausch des Hyperfokus alles möglich ist, das der Gesellschaft zugute kommen kann.

*Name geändert, dem Redaktor bekannt.