Reportage medico JOURNAL

Punktwelt


Was im Stillstand bewegt – Reportage aus der Sukkulenten-Sammlung Zürich



«Können Sie mir das nochmals erklären, ich habe es nicht ganz verstanden», eröffnet die anwesende Gärtnerin der Sukkulenten- Sammlung Zürich unser zweites Gespräch. Das erste Gespräch hielten wir im Eingangsbereich, jetzt sitze ich hinten im Gross- pflanzenhaus. Im Eingangsbereich habe ich ihr meine Idee erläu- tert, einen Tag bei den Sukkulenten zu sitzen, um mich meiner und der Bewegungen der Stadt zu entziehen. Um zu erfahren, wie es ist, sich (genauso wie die Sukkulenten seit Jahrzenten) nicht zu bewegen. Indem ich auf das verzichte, was ich unbedacht immer tue und es dann, nach stundenlangem Unterlassen, wieder tue, hoffe ich, einen anderen Blick auf die Bewegung zu bekommen. Das habe ich der Gärtnerin erklärt, morgens um halb zehn in der Sukkulenten-Sammlung. Ich verstehe, dass sie nachfragt, es hat sich auch für mich komisch angehört. Aber die Redaktion findet die Idee tatsächlich gut, also sitze ich sie aus.

Am Kopf des Rundwegs im Grosspflanzenhaus angekommen, setze ich mich, zeige auf eine der grössten Sukkulenten und frage nach dem Alter. «Oh, so ganz genau weiss ich das nicht, aber 100 Jahre alt wird die schon sein.» Eine Zahl, die meine Eintages-Aufgabe lächerlich wirken lässt, bevor ich überhaupt Stellung bezogen habe. 100 Jahre ohne Bewegung an ein und demselben Ort, sporadische Verpflanzungen nicht ausgeschlossen. 100 Jahre und hier ist sie, gross und stark. Nur noch 5 oder 30 Jahre, dann stösst sie oben am Glashaus an und durchbricht, ohne sich zu be- wegen, ihre Welt. Dieser beständige Geist. 100 Jahre hat er nichts getan, ausser von dem zu leben, was er mit Wurzeln und Körper greifen kann, und entdeckt eine neue Welt.

Ich sitze nun seit einer Stunde hier, während die ersten Besucher eintreffen. Aus Höflichkeit nehme ich ein Heft und einen Stif zur Hand. So lässt sich irgendwie zusammenreimen, warum da ein Typ sitzt, denke ich. Der hat einen Grund, so bewegungslos dazusitzen, der macht nicht einfach nichts. Die meisten Besucher sind Touristen; ein, zwei Pärchen kommen auch. Dann noch zwei 20plus-jährige Influencerinnen oder solche, die es werden wollen. Eine voll auf #styleinspo mit fett #makeuplooks und #heels, während ihre Freundin sie fotografiert. Es ist erstaunlich, wie natürlich die, die das Model mimt, die künstlichen Bewegungen von Pose zu Pose drauf hat.

Ich sitze jetzt drei Stunden und sehe immer denselben Bildaus- schnitt. Unruhe kommt auf. Sonnenbrille auf, Sonnenbrille ab, ein Schluck Wasser. Um mich herum bewegen sich Besucher, Gärtner, zur Mittagspause schaut der Typ von der Wache AG vorbei. Ein Käfer, eine erschöpfte Biene und ein Schmetterling erkunden die Welt in meinem Blickfeld. Rund ums Glashaus bewegt sich Bekanntes: Verkehr, Jogger, Wolken, Vögel, vom Wind bewegte Äste und Blätter, Flugzeuge und die Sonne. Sie alle bewegen sich. Ich fast nicht und die Sukkulenten gar nicht. Sie wachsen nur vom Nullpunkt vertikal nach oben und nach unten. Wir Menschen wachsen nur nach oben und bewegen uns dann wie irr von da nach dort.

Müssen wir uns so irr bewegen? Vor einem Leben noch war das Dorf die Welt, heute ist die Welt ein Dorf. Wo holen wir uns diesen Stachel, auf den Berg da zu müssen und nach dem Berg auf den nächsten Berg und nach all den Bergen von Küste zu Küste zu jagen. Wir sagen, es ist in uns, die Lust auf Abenteuer. Der Mensch muss entdecken, wandern, hinter den Horizont blicken. Entdecker werden bewundert, bewegen sie sich doch in unbekanntes Gebiet, um uns davon zu berichten. Sie bewegen sich für uns, im Namen der Menschheit. Jedenfalls der weissen Menschheit. Die mussten immer auf die Berge, über die Meere. Nomaden, Indogene bewegten sich, um mit der Rentierherde mitzuziehen, auf die Jahreszeiten einzugehen. Aber grundsätzlich waren sie mit ihrer Region zufrieden. Sie bewegten sich im Rhythmus der Natur. Ich glaube, so findet man Frieden. Wenn man den Impuls überwindet, dahin zu müssen. So überwindet man sich selbst. Nur ist das leider der grösste aller Berge.

Je länger ich hier sitze, desto flüchtiger nehme ich die Bewegun- gen der anderen Besucher wahr. Ihr Vorbeiziehen nimmt immer weniger von meiner Aufmerksamkeit in Anspruch, bis sie nur noch einem Wimpernschlag gleichen, austauschbar, unbemerkt. Sie beginnen fahrig auf mich zu wirken. Ich frage mich, was sie in dieser kurzen Zeit ihrer Anwesenheit zu sehen glauben. Dabei gibt es so viel zu sehen hier. Jede einzelne Pflanze ist eine Skulptur, ein Standbild eines hundertjährigen Films, eine in super-super-super-slowmotion stattfindende Explosion.

Die zwei Welten passen nicht zusammen. Die kreisenden Besucher und die stoischen Sukkulenten. Passend wir das Bild, richtet man den Blick in den Himmel. Dort, wo die oberen Enden der grossen Sukkulenten ins Blau greifen und von vorbeiziehenden Wolken besucht werden. Das ist das Bild, das ist der Rhythmus, der passt. Und im Kopf wird es leise und wenn es ganz leise wird, beginnen die bewegenden Gefühle anzuklopfen, denen man auf Reisen entflieht und für die es am Check-in viel zu laut und zu bewegt ist. Man beginnt das Blut im eigenen Körper zu hören, und wie das Herz den Saft, der uns am Leben hält, durch unse- ren Körper pumpt. Hier, wo sich die Säfte konzentrieren, wie das Wasser in einer Sukkulente, die besonders viel davon speichern kann, und darum den Namen Sukkulente trägt, vom Wort «succus» abstammend, dem lateinischen Begriff für Saft. Irgend- wann verfängt sich in der meditativen Ruhe ein Gedanke in diesem Rhythmus und man glaubt, hier, in einem drin, inmitten eines von Sukkulenten bewohnten Trockengebiets, hätten Pink Floyd ihre Lieder aus dem Äther gefischt.



Freunde kommen mich besuchen, die von meiner Aktion wissen, unter ihnen der Fotograf. Ich stehe das erste Mal seit circa vier Stunden, dreissig Minuten auf und bewege mich. Der Perspektivenwechsel verschiebt die Sukkulenten, die die letzten Stunden an Ort gestanden haben. Das Bewegungsfasten zeigt Wirkung. Ich bin kurz überfordert, freue mich dann aber, das Bekannte aus neuem Blickwinkel zu sehen. Jeder Meter zeichnet ein neues Bild. Ich bin dankbar, kann ich mich bewegen.





Reportage medico JOURNAL

Der menschliche Ereignishorizont


Genuss durch Schmerz



Genuss ist ein Luxusbedürfnis. First world shit. Dekadentes Gesabber einer übersättigten Wohlstandsgesellschaft. Braucht keiner. Nur die, die schon alles haben. So der erste Reflex. Und kaum informiert man sich, wird man für die oberflächliche Schwarzweiss-Malerei geohrfeigt, und zwar von der Maslow- schen Bedürfnispyramide. Zuunterst finden sich da Grundbe- dürfnisse wie Essen und Sex – wenn das mal keine Genüsse sind. Auch an der Spitze der Pyramide findet sich Genusspotenzial, dort ist die Selbstverwirklichung angesiedelt. Soweit, so logisch. Für Simona, Stephan und Thomas führt der Weg zum Genuss über Schmerzen. Sie sind Mitglieder des Vereins IG BDSM und können sich dank ihrer Leidenschaft soweit fallen lassen, bis sie am Genusshöhepunkt ankommen. Ein flüchtiger Blick ins Para- dies? Und welcher Weg führt dorthin?

Dieses Glück ist so zart, dass es sich verflüchtigt, sobald man es festhalten will. Wahrscheinlich geht dieses Glücksmoment genau darum – weil er dann nicht mehr frei wäre. Frei selbst zu entscheiden, wo es ihm gefällt. Bei den lachenden Nachbarn, dem verliebten Paar, den Eltern mit ihrem Neugeborenen oder dem spielenden Hund. Niemand wird gerne gegen seinen Willen festgehalten, und doch wundert man sich, warum das Glück nicht bleibt, wenn man ihm Ketten anlegt.

Stairway to heaven oder highway to hell – es scheint zweierlei Sorte Menschen zu geben. Die meisten sind Vanilla. So nennen die Perversen der BDSM-Szene die Gruppe Menschen, die einfach den normalen Sex haben und bei 50 Shades of Grey kichern müssen. Pervers nennen sich die Perversen übrigens selbst. Pervers ist auch kein Urteil, sondern ein fachmedizinischer Begriff, der «verdreht», «verkehrt» bedeutet und nicht negativ besetzt ist.

Die Vanillas gehen miteinander ins Bett und sagen sorry, wenn irgendwo weh gemacht wurde. Sie reden auch nicht so genau darüber, was sie anmacht und was sie wollen. Die Perversen sind da viel genauer, weil sie sich auf Schmerzen einlassen, und sich ihrem Partner komplett ausliefern. Darum muss man genau fest- legen, was man will. So gefesselt von der Decke hängend kann man sich einfach schlecht wehren.

Die Perversen stellen sich so einigem. Vanillas gehen ja nicht dahin, wo es kalt, schroff und klebrig ist, sodass man sich über- winden muss und an sich selbst verfangen, durch die Überwin- dung aber auch Neues entdecken könnte. Zum Beispiel könnte man da hingehen, wo die Gedanken hingehen, wenn abends gegen Mitternacht alles ruhig wird um dich herum, und du der einzige bist, mit dem du reden oder chatten kannst und dich dann erschreckst über die Antworten, die dir deine Seele gibt, sofern du überhaupt eine Antwort bekommst und die Reise nicht vorher abbrichst, indem du eine App oder ein Bier öffnest oder dir andere Seelen per Stream gibst. Dabei wäre es gut, ihr würdet euch mal kennenlernen, du und dein ich. Denn du wirst deine Seele nicht los. Vielleicht kommst du durchs Leben, ohne dich ihr jemals stellen zu müssen, vielleicht ist da auch nicht viel los in deiner Seele, aber du wohnst in ihr wie in einem Haus. Ein Haus, das bei jemandem klein ist, wenige Zimmer hat und von den we- nigen Zimmern alle hell erleuchtet sind. Dann gibt es Menschen, die wohnen in einem Schloss mit vielen, vielen Zimmern die alle dunkel, kalt und unerforscht sind, weil die Menschen Angst vor diesen unentdeckten Zimmern haben und ein Leben lang in der gemütlich warmen Küche bleiben. Nahe beim Kühlschrank, nahe beim Herd, weit weg von den Möglichkeiten des eigenen Selbst.

So geht man ein Leben lang dieselben Wege, kauft den selben Käse, fährt auf der Autobahn und wundert sich, wenn man im Stau steht, anstatt sich der Landstrasse auszusetzen und statt mit dem Navi mit den Menschen zu reden, die einen spiegeln, konfrontieren und die Reise antreten lassen, um die es eigentlich geht – die Reise durch das eigene Haus. Die Reise durch Zimmer, in denen man noch nie wahr und alleine auch nicht hinkommt. Man muss sich hingeben, etwas riskieren, ausserhalb der eigenen Peergroup rumstreunen. Dort triffst du den Schlüsselmeister, der dir Zimmer in deinem Haus zeigt, die du alleine nie gefunden hättest. Vielleicht ist es auch in diesem Zimmer kalt, schroff und klebrig, aber vielleicht zeigt dir der Schlüsselmeister die Schönheit dieses Zimmers, weil es dir zeigt, was du nicht magst und
dir somit zeigt, was du magst. So schaffst du es, deinen Blick weg von kalt, schroff und klebrig zu richten und den Kopf zu heben, die Brust zu schwellen und dorthin zu blicken, wo das Leben immer hingeht, nach vorne. Und jetzt, da du deine Angst, Unge- wissheit und selbstmitleidiges Wimmern überwunden hast, siehst du, dass dieses kalte, schroffe und klebrige Zimmer einen Schatz birgt, den dir dein schlaffer Zehenblick immer verwehrt hat – die Türe zum Paradies.

Das Paradies ist nicht hier, nicht dort, nicht so und nicht anders. Es ist dort, wo keine Worte gedacht werden, keine Musik widerhallt, die Zeit in alle Richtungen läuft und du von allem nichts weisst. Es ist das Universum, von dem du einst glaubtest, es sei alles, was es gäbe, wie damals, als du im Bauch deiner Mutter herangewachsen bist als Fisch im Wasser nur um schreiend zu entdecken, dass du auf deinen eigenen Beinen stehen und in einer Welt leben sollst, die sich nicht zwischen Wahnsinn und Wunder entscheiden kann.

Das Paradies ist das endgültige Ziel der ganzen Rennerei, der Ausbildung, der Heirat, der materiellen Wünsche, all diese Din- ge, die wie einzelne Schlüssel an einem riesigen Schlüsselbund hängen, die an einen Ring um den Hals geschnallt sind, der mit jedem Schlüssel, mit jedem Versuch, das Schloss zum Paradies zu knacken enger wird und dir die Luft immer und immer mehr zuschnürt.
Das Paradies öffnet man nicht, es öffnet sich einem. Dann wenn man alles abgelegt hat und nackt auf Entdeckungsreise geht, mit nichts anderem bekleidet als mit seiner Seele, die ein Haus ist, in dem auch die kalten, schroffen und klebrigen Zimmer beleuchtet und entdeckt.

Rüstungen und Ausrüstungen nützen dir nichts auf dem Weg ins Paradies, denn womit du konfrontiert wirst, das bist du selbst, dein Inneres und gegen innen bist du offen. Deine Seele und dein Körper, deine Liebe und dein Hass, deine Niederlagen und deine Siege, dein Eigenbild und dein Spiegelbild. Das alles erwartet dich auf dem Weg ins Paradies. Du bist dem ausgeliefert, der dich am meisten verletzen kann und das bist du selbst.

Hast du das alles überwunden, kommst du an diesen Ort, von dem du insgeheim gewusst hast, das es ihn gibt, der in diesen zwei Sekunden Mikrotraumphase an deine Haustüre klopft, in denen du auf die Beendigung eines Downloads wartest oder in den blubbernden Topf Pasta guckst. Dieser Ort ist das Gegenteil von kalt, schroff und klebrig, er ist warm, weich und erhebend. Er ist das Nichts, das dich dematerialisiert, dort, wo du deinen Körper ablegst und nicht mehr und weniger bist, alls jeder Stein, jeder Stern, jeder Frosch und jeder Gedanke. Du bist Energie ohne Rand und darum eins mit allem, sogar mit dir selbst. Hier, hinter deinem Ereignishorizont, liegt dein Paradies.

Die Reise in dieses Paradies hat verschiedene Startpunkte, Trig- ger und Wege. Wo du auch losgehst, an der Hand genommen wirst du von Adrenalin und Dopamin, den zwei natürlichen Rauschbolden, die der Mensch auf so viele Arten aufsucht, in dem er einen Genuss so weit steigert, bis er die zwei findet. Essen, Trinken, Drogen, Geschwindigkeit sind alles Möglichkeiten, den Genuss zum Rausch zu steigern.

Für Simona, Thomas und Stephan führt der Weg zu diesem Ort des sich Vergessens über BDSM – Bondage, Disziplinierung, Sadismus, Masochismus. Bondage & Disziplin, Dominanz & Submission, Sadismus & Masochismus. «Entdeckt habe ich meine Leidenschaft für BDSM in Selbstexperimenten», erklärt Stephan. «Erst hab' ich mich gefragt, ob ich irgendwie nicht normal bin. Als ich in Kontakt mit dem BDSM-Stammtisch Zürich und der IG BDSM gekommen bin, war das ein befreiendes Erlebnis». «Genau», bestätigt Thomas, «für mich war die Welt positiv erschüttert und zu Beginn habe ich meinen lang versteck- te Lust täglich ausgelebt». «Es ist, wie wenn man frisch verliebt ist», legt Simona nach. «Man will es immer, die Hormone drehen durch.» Man merkt den Dreien ihre Erleichterung und Freude an, ihre Lust am Leiden ausleben zu können. Vieles überrascht mich während des Gesprächs. Der abgeklärte Umgang mit den Perversionen, die Kontrollmechanismen und das Vereinsleben, das von der IG BDSM so organisiert ist, wie wohl viele andere Vereine auch mit festen Regeln. Die Mitglieder sind zwische 18 und 80 Jahre alt.

Während der von der IG BDSM organisierten Parties wird nur mässig Alkohol konsumiert und Drogen sind tabu. Den Rausch erreicht man über das Spiel. «Ab und zu hat man sich in kurzen Augenblicken schon gefragt, was man da macht während des Spiels», gestehen die Teilnehmenden, «aber auch das ist Teil des Reizes. Wie das Warten auf einen Schlag, das nicht Wissen, was der Partner jetzt mit einem anstellt.»

Das ideale Spiel jedenfalls, da sind sich alle einig, ist, wenn die Ratio wegfällt und man in diesen Floating-Zustand kommt, der von Stephan auch als «Power Exchange» beschrieben wird. «Dabei gibt es für mich zwei Zustände», ergänzt Simona. «Die sexuell erregende Zone und die nicht mehr sexuell erregende Zone, weil dort nur noch Schmerzen sind. Ab hier fliesst das Adrenalin in Strömen und ich bin immer mehr bei mir, der Partner, der mir die Schmerzen zufügt, wird mir egal. Ich lasse los und gebe mich hin. Nichts kümmert mich mehr.»

Das Ziel wohl vieler Genuss-Suchender. Diesen Flow-Zustand zu erreichen. Beim Gitarrespielen, Motorradfahren, Klettern der ganz individuellen Leidenschaft wie in diesem Fall BDSM. Dieser Genuss hält lange an und hat für Simona, Thomas und Stephan positive Wirkungen über den Moment des Spiels hinaus. Simona geniesst es, sich im normalen Alltag an blauen Flecken zu stossen, die ihr während des Spiels zugefügt worden sind. Stephan sieht seine Grundresilienz im Alltag erhöht durch die Schmerz- erfahrungen und das nähere Kennenlernen seiners Körpers.
Ob die drei und ihre Spielpartner, Stammtischfreunde und zukünftigen Bekanntschaften jedesmal im Paradies landen, weiss ich nicht. Aber sie wirken auf mich, als hätten sie ihren Weg dorthin gefunden. Dieser Weg führt nicht für jeden über BDSM und Schmerz. Aber eines gilt für alle Leidenschaften – wenn du damit glücklich wirst, mach' es.








Reportage  medico JOURNAL

Drinnen, aber draussen




Zu Besuch bei Häftling M.



In der Wohnung über mir höre ich Stimmen, die sich gegenseitig kitzeln, bis sie lachen müssen. Sie lachen, weil sie für ihr Glück keine Worte mehr finden.

Ich verstehe die Sprache meiner Nachbarn nicht, aber ich verstehe, dass sie sich in diesem Moment frei fühlen. Sie haben ein Leuchten entfacht, das alle Gedanken an gestern und morgen versengt und ruhig und zufrieden macht. Ihr Leben hat genau die Temperatur erreicht, bei der man die Luft auf dem eigenen Körper nicht mehr spürt. Alles stimmt, ohne dass sich etwas erkennbar geändert hätte. Du hast es geschafft, in die Blase des Glücks einzudringen, ohne sie zum Platzen zu bringen.

Dieses Glück ist so zart, dass es sich verflüchtigt, sobald man es festhalten will. Wahrscheinlich geht dieses Glücksmoment genau darum – weil er dann nicht mehr frei wäre. Frei selbst zu entscheiden, wo es ihm gefällt. Bei den lachenden Nachbarn, dem verliebten Paar, den Eltern mit ihrem Neugeborenen oder dem spielenden Hund. Niemand wird gerne gegen seinen Willen festgehalten, und doch wundert man sich, warum das Glück nicht bleibt, wenn man ihm Ketten anlegt.

Ich frage mich, ob Herr M. diese Momente noch kennt. Herr M. ist Insasse des Gefängnisses Affoltern am Albis. Herrn M. wurden, wie dem Glück, Ketten angelegt. Er hat Mist gebaut, wurde erwischt und der Staat hat Recht gesprochen. Jetzt sitzt er im Gefängnis und ich möchte von ihm wissen, wie das ist, da drinnen und draussen von der Gesellschaft. Wie das ist, festgehalten zu werden in einer Wohnung, zu der man keinen Schlüssel hat.


Was mich beim Gefängnisbesuch erwartet, weiss ich nicht genau. Ich kenne Gefängnisse aus Filmen, dem einen oder anderen Foto aus dem Blick, wo sich Kommentatoren über den Fernseher aufregen und überhaupt den hohen Standard. Fast schon wie in einem Hotel sei es da, warm und mit gratis Essen.

Doch schon der Einlassprozess macht mir klar, dass dies eine andere Welt ist. Ich läute und nachdem ich erklärte habe, warum ich hier bin, stehe ich stehe in einem Käfig, beobachtet von Kameras. Ich versuche die Türe des Käfigs zu öffnen, aber die Türe ist geschlossen. Also warte ich weiter und will schon das erste Mal ausbrechen. Ich bin ausgeliefert und das gefällt mir schon nach fünf Minuten nicht.

Ein grosser, stämmiger Mann nähert sich meinem Käfig und öffnet ihn. Es ist Herr Klein,der Leiter des Gefängnisses. Fast gleichzeitig mit dem Händedruck verlangt er nach meinem Ausweis, dann lädt er mich in sein Büro. Mir kommt vor, als hätte Herr Klein auf dem kurzen Weg ins Büro bereits fünf Türen per Batch geöffnet und zwölfmal einen Code eingegeben. Im Büro angekommen, erklärt mir Herr Klein die Regeln für das Treffen mit Herrn M.

«Keinen Computer, keine Kamera, kein Handy, Stift und Papier ist ok.»

«Fotos muss ich aber machen.»

«Gut, aber nur in meinem Beisein, ich bringe Ihnen die Kamera später.»

Schon ein Unterschied zu draussen. Dort ist ja eher «Easy, mal luege».



Während des Begrüssungskaffees überlege ich mir Gründe, weshalb jemand Gefängnisdirektor werden will.Was Besseres als «ist halt ein Job» fällt mir nicht ein. Aber dafür ist Herr Klein viel zu engagiert, zu wach, bei dem was er tut.

«Weil ich Menschen mag», ist Herrn Kleins einfache Antwort. «Ich mag nicht alle Menschen, aber auch mit denen zu arbeiten ist interessant. Sie sind Teil der Gesellschaft und ich will ihnen hier helfen, sich wieder in die Gesellschaft integrieren zu lernen. Die Resozialisierung ist ganz einfach Teil unseres Auftrages. Der zweite Teil ist die Sicherung der Gesellschaft. Die Sicherung erreichen wir durchs Wegsperren. Sind sie drin, bereiten wir die Häftlinge auf den Wiedereinstieg in die Gesellschaft vor. Das heisst, wir versuchen die Gesellschaft da draussen innerhalb unseres Gefängnisses nachzubilden. Die Häftlinge haben einen festen Tagesablauf, gehen einer Arbeit nach und können soziale Kontakte mit anderen Häftlingen pflegen.

Würden wir sie nur wegsperren, würden Menschen ohne jegliche Sozialkompetenz, aber mit viel Wut, entlassen. Es kann nicht unser Ziel sein, solche Menschen auf die Gesellschaft loszulassen.»



Ab und zu bekommen wir Besuch von einem Mitarbeitenden, der sich bei Herrn Klein über dies und das erkundigt. Der Informationsaustausch hält sich kurz und knapp, ein wenig, als wollten sie unter dem Radar sprechen. Im Bewusstsein, dass genau hier, in dieser dünnen Schicht zwischen Absturz und Ausschlag, alles gut ist. Die Konzentration und Ruhe, die dafür notwendig ist, den Betrieb auf dieser Flughöhe zu halten, ist in allen Gängen, Blicken und Büros spürbar. Als hielte man die Luft an für die Zeit, in der man von der Gesellschaft da draussen abtaucht. Die Mitarbeitenden und Herr Klein können nach der Schicht wieder in die Gesellschaft auftauchen und Luft holen. Nicht so die Gefangenen. Sie sind bis zu zwei Jahren hier im Gefängnis Affoltern am Albis, das mitten im Wohnquartier liegt und so die Vollzugsphilosophie der Wiedereingliederung manifestiert.

Einer dieser Insassen ist Herr M., von dem ich nichts weiss. Herr Klein führt mich in einen kleinen Raum, in dem ich Herrn M. treffen soll. Mir wird mein Platz am Tisch zugewiesen und Herr Klein verlässt den Raum, in dem ich nun alleine auf Herr M. warte. Eng hier. Kühl. Sogar das Neonlicht scheint noch ungemütlicher als sonst. Tisch, Stuhl, Notizblock, Kugelschreiber und eine Uhr an der Wand. Ich überlege mir, wer Herr M. wohl ist, was er angestellt hat und wie seine Stimmung ist.

Ich frage mich, warum ich mir nicht alle Menschentypen und alle Möglichkeiten zu Hergang und Umfeld von Herrn M. vorstelle, sondern mir gewisse Stereotype herauspicke. Widerlich. Ich rede mich damit heraus, dass ich nicht genug Zeit dafür hatte, denn jetzt öffnet sich die zweite Türe auf der anderen Seite des kleinen Raumes und ein Aufseher führt Herrn M. hinein.

Und er füllt den Raum mit Schwere. Einer Schwere, die mir das aufgesetzte Empfangslächeln aus dem Gesicht drückt. Ein Mensch wie eine Legierung aus Traurigkeit, Müdigkeit, Schuld und Reue.

Wir sind jetzt alleine im kleinen Raum, sitzen vis-à-vis am kleinen Tisch. Vor uns die grossen philosophischen Fragen zum Gefangensein, der Zeit, Schuld, Reue, Sühne, Gesellschaft und Gerechtigkeit. All das hat in einem noch so kleinen Zimmer Platz. Und all das ist für den jungen, starken, schweren Herr M. ganz einfach zu beantworten. «Ich habe einen Fehler gemacht und sehe ein, dass ich einen Fehler gemacht habe. Weil ich diesen Fehler gemacht habe, bin ich hier.»

Und weil Herr M. schon genug Mauern um sich hat, möchte ich nicht auch noch eine Mauer sein und habe Herr M. darum angeboten, seine Tage hier und einige Gedanken dazu selbst zu formulieren.

Mit Tag fangt so a, dass ich am 7:30 ufstahne und denn iss ich Zmorge. Am 8 gömmer id Gfängniswerchstatt go schaffe und mached Sofas und Sessel us Euro Pallet. Am 11:15 chunt s’Ässe und denn muesmer uf sinere Zelle si. Nachem Ässe gang ich oft in Chraftrum und go dusche. Nachane gang ich mini Zälle go putze. Vom 12 bis am halb 2 chammer uf de Hof use go spaziere, oder sich drin mit andere Insasse träffe und unterhalte. Vom 2 bis am 4 gangi wieder id Wärchstatt go schaffe. Eimal ide Wuche, vo 16:10 bis 16:30 chamer sini Wösch wächsle. Vo 4 bis 6 isch Freizit. Znacht gits am 16:40, det mues jede uf sinere Zälle si. Ide frei verfüegbare Zit chamer telefoniere, wemmer e Telefoncharte kauft hät. Wichtig isch, dasmer alli Zite ihaltet. Am Wuchenend sind Zälle nur vo 8 bis am 11 offe. De Rescht vom Tag und de Nacht verbringt mer i sinere Zälle. Vorem Gfängnis bin ich 1.5 Jahr in U-Haft gsi. Det ischmer 23 Stund am Tag ide Zälle gsi und hät nur 1 Stund am Tag chöne go spaziere.

Ich denke, ich bin i die Situation cho, will ich i gwüsse Moment vo mim Läbe die falschi Abzwigig gno han. Im erschte Fall isches es so gsi, dass ich eifach uf 180 obe gsi bin und es nöd gschafft han, mich rechtzitig z’beru- hige oder drüber nahdänkt han, was das für Uswürkige chan ha und was mini Handlige arichtet.

Im zweite Fall isches eher so gsi, dasses e Churzschlusshandlig gsi isch. Alles isch so schnell gange und mir isch erscht nachane bewusst worde, das ich en Fehler gmacht han.

Im Gespräch mit Herrn M. merkt man, dass die Worte der Einsicht nicht auswendig gelernt, sondern durch Selbstreflexion erarbeitet hat. Alles, was er jetzt tun kann, ist die Zeit hier drinnen und ausserhalb der Gesellschaft so gut es geht zu überstehen. In seinem fest strukturierten Tagesablauf muss er immer wieder an seine Familie denken. Es schmerzt ihn, dass sie seinetwegen leiden müssen. Jetzt kommen sie ihn wöchentlich besuchen. Während der U-Haft hat er sie ein halbes Jahr lang nicht gesehen. Was nach dem Gefängnis kommt, weiss Herr M. noch nicht. Die Jobsuche macht ihm Angst. Eines will er aber sicher anders machen. Etwas, dass auch wir, die draussen sind, uns jeden Tag bewusst machen können: Die einfachen Dinge im Leben schätzen. Die sind es nämlich, so die Erfahrung von Herrn M., die das Paradies ausmachen. Wie mit Freunden und der Familie zusammen sein, sich Geschichten erzählen, zu lachen und den Schlüssel zur eigenen Wohnung zu besitzen.









Reportage Medicojournal

Das ewige Jetzt
Text / Foto




Hans-Peter Meier vor der «Leerlaufmaschine» Heureka von Jean Tinguely.






Am liebsten hätte ich die Zeit selbst gefragt, was sie ist, wo sie herkommt und ob sie noch lange bleiben will. Was sie den ganzen Tag so macht und ob es für sie ok ist, was wir mit ihr anstellen. Ich habe aber niemanden gefunden, der weiss, wo die Zeit gerade ist. Die, die Zeit haben, denken nicht über sie nach, und die anderen sitzen in einem Meeting. So habe ich mir lange überlegt, wer mir die Zeit erklären soll. Ich entscheide mich für eine rationale und eine emotionale Sichtweise. Norman Sieroka, Doktor der Physik und Philosophie, widmet seine Zeit der Zeit. Hans Peter Meier, Surprise-Strassenverkäufer, hat die Herrschaft über seine Zeit abgegeben und wieder zurückgewonnen.


Norman Sieroka forscht an der ETH Zürich und ist Autor der 2018 erschienenen Buchpublikation «Philosophie der Zeit – Grundlagen und Perspektiven». Hans Peter Meier war IT-Spezialist, leistete 365 Tage im Jahr Bereitschaftsdienst für sein Unternehmen, das Börsensoftware vertrieb. Nach einer beruflichen und privaten Krise verkauft er jetzt am Bellevue das Strassenmagazin Surprise.

«Zeit ist zuerst einmal ein Ordnungsparameter der es uns erlaubt, Ereignisse zu sortieren und zu gliedern.»

Es ist ein trockener, analytischer Boden, auf den mich Herr Sieroka ins Land der Zeit führt, aber es ist ein fester Boden. Ich gehe mit. Bevor wir weiterschreiten, zeigt mir Herr Sieroka erst einmal, wer die Landschaft der Zeit bereits erforscht, die sich mit jeder Sekunde weiter ausbreitet. «Mit dem Thema Zeit beschäftigen sich viele Wissenschaften. Mich als Philosoph interessiert, die verschiedenen Erfahrungsbereiche in Beziehung zueinanderzusetzen», erklärt Herr Sieroka seine Faszination.

Ich erfahre, dass sich die Soziologen aktuell sehr für die Zeit interessieren. Sie behaupten, die Zeit selbst würde sich im Alltag und in der Arbeitswelt beschleunigen und das Bedürfnis nach einer Entschleunigung wachsen. Die Historiker wollen wissen, wie vergangene Zeiten für uns heute verständlich gemacht werden können. Musiker sehen sich als Zeitkünstler.

Die Chronobiologie untersucht, zu welcher Tages- und Nachtzeit wir uns gut fühlen, wer Früh- oder Spätaufsteher ist. Und daraus ergibt sich beispielsweise die gesellschaftlich relevante Frage, wann die Schule morgens am besten beginnen sollte. Auch die Politikwissenschaft will die Zeit besser verstehen lernen und tüftelt im Subgenre Chronopolitik an der perfekten Taktung der Strategie innerhalb politischer Systeme. Wann informiere ich wen, wann wird welches Gremium oder Parlament gewählt?

Auch Herr Meier kennt den Anspruch, alles aus der Zeit herauszuholen, sehr gut. Herr Meier verantwortete eine Handelssoftware für die Börse, wo Ausfälle von Sekunden zu Millionenverlusten führten. Die Maschine musste immer funktionieren, also musste auch der Maschinenmeister immer funktionieren. 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag, 30 Jahre lang 3 – 4 Stunden Schlaf pro Nacht. Herr Meiers Zeit gehörte dem Unternehmen. In der wenigen Zeit, die ihm blieb, entwickelte er Sehnsüchte und versuchte, die verlorene Freizeit nachzuholen, den Stress zu kompensieren. Er begann zu trinken. Sein Leben geriet aus dem Takt, der Alkohol spülte die Grundpfeiler weg, auf dem sein Leben stand. Herr Meier verlor seine Stelle, eine neue Zeit begann. Als passionierter Bergsteiger versteht Herr Meier auszuharren.

«Wenn du zehn Stunden im Biwak warten musst, bis es wieder hell wird, ist das eine Ewigkeit.»

Er weiss, dass es kalt und dunkel ist, aber er weiss, dass auch diese Zeit vergehen wird. Nur überleben muss er selber.

Ist es die Zeit in der wir leben, die Herrn Meier aus dem sich immer schneller drehenden Hamsterrad geschleudert hat und Themen wir Burnout auf die Titelseiten bringt? Ein Ausbrennen, das Herr Meier mit Alkohol gelöscht hat? Können wir überhaupt mit der Zeit in dieser monotonen Form leben?

Seit dem Zeitpunkt unserer Geburt ist die Zeit unser Taktgeber. Immer im gleichen Rhythmus, ticktack, ticktack. Wie ein Militärmarsch schreitet die Zeit durch unser Leben. Hören wir aber auf unseren eigenen Puls, hören wir etwas anderes. Ba-dumm, Ba- dumm. Ein Rhythmus, in Wechselwirkung mit dem Leben und der Beanspruchung. Schlafen, Rennen, Warten – alles hat seinen eigenen, natürlichen Rhythmus. Nicht so die menschengemachte Uhrzeit. Sie marschiert wie eine Maschine. Führt diese Asynchronität zwischen den zwei Systemen nicht zwangsläufig dazu, uns an der Zeit zu reiben? Die Natur lebt ja von Kreisläufen, nicht von Linearität. Jahreszeiten, Saat und Ernte, Geburt und Tod, alles kommt und geht.

«Wir brauchen beides», klärt mich Herr Sieroka auf. «Die wiederkehrenden Ereignisse der Natur, aber auch das lineare Fortschreiten. Jedoch kann ich den Trend, dass die Lebensweise aktuell durch den wirtschaftlichen Kontext bestimmt wird, bestätigen. Aber das gilt nicht für alle Berufe. Es hat zum Beispiel niemand etwas davon, wenn der Tramchauffeur schneller arbeitet, also seine Strecke schneller abfährt. Weder kommen

Sie pünktlicher ans Ziel, noch er früher in den Feierabend. Hier steht Takt, Rhythmus und Synchronizität vor der Geschwindigkeit. Auch kann ein Koch ein Dreiminutenei nicht in zwei Minuten kochen. Das viel gescholtene Hamsterrad werden Sie übrigens auch im Kloster nicht los. Dort bestehen strikte Regeln, wann Sie zu essen haben, wann gebetet wird und so weiter.»



Stellt man sich die Zeit aus vor uns liegende, ausgrollte Filmrolle vor, bestimmt jedes einzelne Bild das nächste. Wie Herr Sieroka in seinem Buch beschreibt, gibt es zwei, beziehungsweise drei Standardpositionen in der Metaphysik der Zeit. Die statische Position und die dynamische Sichtweise. Für die Vertreter der statischen Position bestehen immer sämtliche Ereignisse – egal ob sie vergangen, gegenwärtig oder zukünftig sind. Für die Vertreter des dynamischen Konzepts besteht nur die Gegenwart, oder Vergangenes und Gegenwärtiges. Ein für Gesellschaftsfragen entscheidender Unterschied, der mein Handeln im Jetzt beeinflusst, wenn ich mir zum Beispiel die Frage stelle, ob es die zukünftigen Generationen schon gibt oder nicht. Wenn es nur das Jetzt gibt, braucht es mich dann zu kümmern, welche Folgen mein Handeln hat? In die Vergangenheit gedacht, stellt sich die Frage nach der Generationengerechtigkeit, also ob zum Beispiel die Nachfahren die Schuld ihrer Vorfahren erben.

Es führen viele Wege ins Land der Zeit und viele Möglichkeiten, sich ihr zu nähern. Ob wir sie jemals ganz begreifen werden? Herr Sieroka zögert. «Innerhalb der verschiedenen Disziplinen werden Fortschritte gemacht.» Rational oder emotional, die Zeit scheint doch mehr als eine messbare Grösse zu sein. Eine Übergrösse, die wir spüren, aber nicht greifen können. Die uns mit Gedanken über Vergangenheit und Zukunft austrickst, uns aber nie aus dem ewigen Jetzt entlässt.

Entscheidend für unsere Gegenwart ist, und hier decken sich die Erfahrungen von Herr Sieroka und Herr Meier, die Zeitqualität. Was wir mit der Zeit anstellen und vor allem, wer über unsere Zeit bestimmt. Herr Meier hat für sich die Antwort gefunden: «Ich bin glücklich darüber, wieder Herr über meine eigene Zeit zu sein.»




PD Dr. Dr. Norman Sieroka forscht an der ETH Zürich.
Mark

Das Abenteuer
in der Hand


medico JOURNAL



Wo das Abenteuer wohnt, wissen wir erst, wenn wir es gefunden haben. Was ein Abenteuer ist, erfahren wir auf dem Weg. Um diesen Weg zu gehen, braucht es nicht viel. Man muss einfach alles hinter sich lassen und sich bewusst sein, dass jeden Tag alles vorbei sein kann und man sich wie ein streunender Hund ein neues Leben suchen muss. In diesem Bewusstsein lebt Marcel Rees, der Motorrad fahrende Handchirurg.


Kreissägen, Messer und Werkzeuge – wir sind nicht im OP- Saal, sondern in einer Garage in der Region Greifensee. Hier ist das Herz zu Hause von Marcel Rees, dem Aben- teurer. Marcel Rees, der Alltagsmensch, arbeitet selbstständig in einer Zürcher Praxis und heilt Menschenhände. Operationen inklusive. Hier, in der Garage, schraubt er an seinen Motorrä- dern, mit denen er ins Abenteuer fährt, und somit seine Hände und seine Existenz aufs Spiel setzt. Ich sehe mich um und warte auf den rauchenden Pneumologen.

Herr Rees, was soll denn das, frage ich ihn innerlich, während die Feierabendsonne sich auch an diesem Abend immer weiter senkt und das ganze Abenteuerthema noch kitschiger macht. Abenteuer ist ja ein grosses Wort. Ein kleines Wort wäre auch komisch für etwas, das mindestens so gross wie die Welt sein soll, die man erobern will. Welches Abenteuer man auch wählt, sie alle verbindet eines: Man weiss nie, wie sie enden. Manche enden am Ende der Welt, andere vor dem Scheidungsrichter. Aber das macht das Abenteuer ja aus. Dieses «Trotzdem». Diese kleine Prise «Fuck it» im Rucksack.

Nachdem ich Herrn Rees innerlich gefragt habe, was denn das solle, frage ich ihn auch artikuliert und akustisch verständlich: «Herr Rees, was soll denn das?» Herr Rees schmunzelt. Er durchschaut den provokanten Grundton der Frage und lässt sich genüsslich Zeit für die Antwort. Mit der für Ärzte typischen Fähigkeit, auch Schlimmstes so beruhigend zu kommunizieren, dass man sich so wohlfühlt, als habe man eine halbe Flasche vom besten Rotwein intus, erzählt mir Herr Rees von der messerscharfen Lebenslinie, die ihn zu seinem Beruf, aufs Motorrad und an die Werkbank geführt hat.
Abenteuer Arbeit

Schon als Kind hat er sich immer kaputte Dinge besorgt, die er auseinandernehmen und flicken kann. Die Mechanik hinter dem Design, das Wie, nicht das Was, will Marcel Rees entdecken. Für ihn beginnt das Abenteuer hinter dem Vorhang. Woher diese Faszination kommt, weiss er selbst nicht so genau. Vielleicht über die Arbeit seines Grossvaters, der als Heizungsmonteur kaputten Heizkesseln wieder Dampf machte. Eines wusste Marcel Rees aber sicher. Er will handwerken und mit seinen Händen etwas wieder ganz oder besser machen.

Die Ausbildung zum technischen Konstrukteur fasste er nach der Schule ins Auge, liess aber davon ab. «Der Austausch mit Menschen hätte mir gefehlt. Die Persönlichkeiten, wie ich sie heute täglich in der Praxis erlebe, bereichern meinen Alltag enorm. Und sie fordern mich heraus. Das gefällt mir sehr. Weil ich für ein Problem nicht immer dieselbe Lösung anwenden kann. Kein Bruch gleicht
dem anderen. Es gilt, die Lebensumstände des Patienten zu berücksichtigen. Steht zum Beispiel ein junger Patient vor einer wichtigen Prüfung, versuchen wir, sie ihm zu ermöglichen und nehmen die langfristige nachhaltige Heilung später in Angriff.»

Dieses analytische Denken sollte ich auch mal versuchen. Scheint total zu entspannen, wenn man dem Doc so zuhört. Der Rees wirkt jedenfalls total entspannt. Und zufrieden obendrauf. Er hat wirklich sein Ding gefunden – die Mechanik, im Menschen oder in der Maschine.



Abenteuer Bruch

Schlauer Fuchs, denke ich. Flickt gerne, also wird er Handchir- urg. So muss er sich die kaputten Sachen nicht mehr holen, um sie zu flicken, sondern die kaputten Hände kommen zu ihm. Mit diesem Gedanken konfrontiert, lächelt Herr Rees höflich; wis- send, dass diese Zusammenfassung zu einfach ist. Denn mit dem Bruch kommt auch der Patient und mit jedem Patienten dessen persönliche Geschichte, die beim ersten Treffen mit dem Doc auf einem Tiefpunkt angekommen ist. Oft sind nicht nur die Kno- chen gebrochen, sondern auch der Mensch. Er wird aus seinem Alltag geworfen und auf einen neuen Weg geschickt, auf dem ihn physische, mentale und emotionale Herausforderungen erwarten. Wo der Weg hinführt, ist ungewiss. Eigentlich alles Zutaten für ein Abenteuer. Aber ein Abenteuer, das er nicht gewollt hat.

Den Patienten in dieses neue Abenteuer hinein zu begleiten ist die Aufgabe von Herrn Rees. Es gilt, dem Patienten einen the- rapeutischen Weg zu weisen und ihm zu zeigen, dass dieser Weg keine Sackgasse ist.

Und tatsächlich kommen die Patienten auf diesem neuen Weg oft da an, wo sie sich ohne den Unfall nie hingetraut hätten. Durch die Pause aus dem üblichen Rhythmus geworfen, beginnen sich ihr Horizont und das Zeitfenster zu öffnen. Das Netz der Ver- pflichtungen lockert sich und schafft paradoxerweise eine neue Bewegungsfreiheit. So finden viele Patienten ein neues Ziel in ihrem Leben, das sie ohne den Bruch nie für sich entdeckt hätten.
Abenteuer Freizeit

Im Berufsalltag ist Herr Rees Reiseführer ins Abenteuer der Patienten. Er selbst darf sich auf keine Abenteuer einlassen. Fall- analyse und Operation folgen strikten Regeln. Das Unerwartete ist der Feind. In der Freizeit wechselt Herr Rees vom Reiseleiter zum Reisenden und begibt sich selbst ins Abenteuer. Auf Motor- radtouren fährt er ins Ungewisse, lässt sich planlos treiben, und weiss mittags oft nicht, wo er abends sein wird. Bei der Frage, warum er als Handchirurg ausgerechnet Motorrad fahren muss, bleibt er allerdings ganz analytisch. «Motorrad fahren ist ein Risiko, aber ich suche nicht die Gefahr. Mir gefällt das abge- nabelt sein. Neue Wege suchen, öffnet die Sinne. Das macht eine Tagesreise ins Bündnerland viel intensiver als einen Touristenflug nach Thailand, wo du planmässig durchgeschleust wirst und dir alle Entscheidungen abgenommen werden.»

Das Abenteuer definiert sich nicht über die Distanz auf der Karte, sondern über die Entfernung vom Alltag, von seinen gewohnten Mustern, dem sozialen Umfeld und Sicherheiten. Diese Entfernung erreicht man auch in Nepal nicht, wenn man sich nicht auf etwas einlässt, das unbequem werden könnte. Der technische Fortschritt rückt Distanzen zusammen und die digitale Abdeckung der Welt nimmt uns die Entdeckungen vor- weg. Abenteuer werden zu Pseudoabenteuern, die wir auch noch beliebig wiederholen können.

Die Distanz zum Alltag findet Marcel Rees nicht nur auf dem Motorrad. Auch in seiner Garage beim Greifensee entfernt er sich weit von zu Hause, von seinem Alltag. Hier sägt und hämmert er an Fahrzeugen, Ideen und bereitet seine nächsten Reisen vor, die ihn aus seinem analytischen, logischen Alltag katapultieren.

Verbunden werden beide Welten immer durch die Faszination für Mechanik und Problemlösung. Eine Faszination, die Marcel Rees auf einen Weg geschickt hat, auf dem er schon viele Träume verwirklichen und Abenteuer erleben konnte – und immer noch kann. Das Risiko, das Motorradfahren oder die handwerkliche Arbeit beinhalten, nimmt er gerne in Kauf. Das Risiko, ohne diese Abenteuer zu leben, ist viel grösser. Auf die Frage, von welchen Abenteuern er noch träumt, folgt ein Schweigen. Aber es ist nicht das peinlich berührte Schweigen, das dich mit dir selbst und den aufgeschobenen Träumen, den nicht gegangenen Wegen konfrontiert. Marcel Rees schweigt und lächelt, weil er merkt, dass alles stimmt, so wie es ist.

Somit ist Marcel Rees vielleicht ein Abenteurer im ursprüng- lichen Sinne. Denn das Wort in seinem lateinischen Ursprung lautet ja «advenire», also «Ankommen».



Mark