Mit Ueli um die Welt
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Am schönsten ist es, wo kein Weg hinführt. Keine Gabelung, die dir Fragen stellt und dich aufhält, keine Brücke, die dir befiehlt, einen Fluss zu sehen, wie ihn schon so viele vor dir gesehen haben. Den Zügen eines Schachspiels gleich eröffnen deine Schritte Millionen von neuen Möglichkeiten.

Mit jedem Schritt hätte alles anders sein können und mit jedemSchritt wird alles anders werden. Und doch gibt es nur diese eineMöglichkeit, diesen Weg, der noch nicht ist, zu gehen. Denn du gehst diesen Weg. Und so wie du geht ihn keiner. Dein Instinkt ist dein Wegweiser.
Kein Gipfelkreuz, keine Beiz, keine abgesperrte Aussichtsplattform sagen dir: «Fertig, du bist am Ziel.» Das offene Land lässt dich laufen, bis du restlos alles hinter dir gelassen hast. Und je weiter du gehst, desto weniger war da schon. Niemand erwartet dich.

Die Gedanken an zuhause verlieren sich, das Wimmern um eine warme Wohnung schwindet, und die Angst, die treueste aller Begleiterinnen auf deinem Weg ins Ungewisse, bleibt dein letzter Gipfel. Hier, im Nichts, bist du am Ziel, das Reisen heisst. Und diese Reise führt zu dir.

Dies ist die Geschichte eines Menschen, der den Weg ins Nichts gegangen ist, um etwas zu verlieren, von dem er glaubte, es sei das Wichtigste. Sein Name ist Ueli und wir ziehen mit Ueli um die Welt.





Ueli ist Künstler und lebt in Zürich. In seinem Atelier schafft er Skulpturen. Er kann nicht anders als zu lächeln, wenn er jeweils sagt: «Ich gehe jetzt ins Atelier.» Dieser Ort bedeutet Ueli die Welt. Hier kann er sein, ohne zu müssen, und so leicht und erfüllt arbeiten, dass die Arbeit keine mehr ist.

Ich habe mich immer ein bisschen gewundert, warum sich Ueli hier so wohl fühlt. Natürlich, das Atelier ist schön. Grosse Fenster, Platz, Sonne, alles da. Werbefilmer hätten ihre Freude. Trotzdem. Wenn mir Ueli aus seinem Leben erzählt, wird mir schwindelig, so vieles hat er erlebt. Bei Facebook hätte er wohl einen eigenen Server für all die Fotos und Geschichten aus seinem Leben.

Aber, Sie ahnen es, Ueli ist nicht auf Facebook. Ueli ist aus Engadiner Holz geschnitzt. Und an eben diesem Holz sollte er sich noch die Zähne ausbeissen. Bereits am elterlichen Küchentisch sieht er seinem Vater zu, wie dieser mit einem einfachen Sackmesser Figuren schnitzt.

Natürlich will der Bub es seinem Vater gleich tun. Aber es waren andere Zeiten damals. Zeiten, in denen Kinder noch nicht nach Bioknospe-Standard gehegt und gepflegt, gehätschelt und gestreichelt wurden. Was Ueli tat, genügte nicht.

Und so entfernt sich dieser im Engadin allgegenwärtige Stoff, der Wälder, Häuser und Feuer gebiert, als künstlerischer Werkstoff schlagartig aus Uelis Leben. Aber, und diese Erfahrung machen wohl viele Kinder, den Eltern verdankt man schlussendlich vieles.




Uelis Vater war Grenzwächter und streifte oft tagelang durch die Bündner Berge. Er lief alleine, schlief alleine, ass alleine. Und in seiner Freizeit, irgendwo an den Hängen, zeichnete er. Und wie er zeichnen konnte. Dieser rohe, schweigende, harte Mann ist ein Künstler, verdammt! Mit diesem Rucksack zieht Ueli los, seine eigene Reise anzutreten. Eine Reise, die so ist sich Ueli sicher, bis heute genauso verläuft, wie sie muss. Denn jeder kommt auf diese Welt, um in ihr seine Aufgabe zu vollbringen. Natürlich kommt jeder mal vom Weg ab. Doch dann schubst dich das Schicksal wieder auf den für dich vorgesehenen Weg zurück.

Ueli weiss: Sein Weg ist der Schöpferische. Davon lässt er sich auch von diesem vermaledeiten Holz nicht abbringen. Also entscheidet er sich für die Bildhauerei. Er kauft sich Hammer und Meissel, packt einen Stein, den er gerade noch mit dem Velo transportieren kann, und fährt zu einer bekannten Bildhauerin in Zürich. Ablehnung. Den Atelierkollegen ist er nicht gut genug. Unterschlupf findet er schlussendlich bei einem anderen Künstler, der auch heute noch sein Atelierpartner ist. Eine Freundschaft, die 25 Jahre hält. Endlich kann Ueli sich der Bildhauerei hingeben. Stein um Stein zermeisselte er, am liebsten Basaltsteine. Härter als Holz. Geht es darum? Dem Vater mit seinem Holz die Stirn zu bieten?

Pha, sicher nicht. Und wenn, würde man es nie zugeben. Ich habe Ueli nicht gefragt, ob es damit zu tun hat. Das brauch ich auch nicht. Keiner von uns ist davor gefeit, sich den Eltern gegenüber zu emanzipieren. Jeder muss die herrschende Generation hinterfragen, ansonsten kommen wir nicht weiter. Was, wenn ich in eine Diktatur hineingeboren werde und nie hinterfrage, warum wir mit Tausenden anderer Menschen auf dem Platz stehen und einem Typen zujubeln, der durch Unterdrückung herrscht, wie er will? Man muss fragen. Man muss gehen. Weg. Fort. Wir kommen ja meistens wieder. Tiere machen sonst selten einen Sonntagsbesuch bei den Eltern. Klein Adler mit seiner Frau Adler Babyadler auf Besuch bei Grossmutter und Grossvater Adler, sich eine Maus teilend? Nein.

Ich sitze da so in Uelis Atelier und staune über den weiten Weg, den er gegangen ist, und die Stationen, die er absolviert, und Fähigkeiten, die er erlernt hat. Wie ein Kind sitze ich da und versuche, professionell zuzuhören und zu fragen, und persönlich, so innerlich reise ich mit, denke aber verdammt, warum bin ich nicht da gewesen? In sein Atelier habe ich es gerade noch so ohne Google Maps geschafft und der Typ sagt auf Wiedergüx, packt 5000 Dollar in die eine, ein Überlebensset in die andere Tasche und fliegt mit eine Hand voll Socken und T-Shirts nach Alaska. Nein, nicht in die Ferien. Für ein Jahr. Kein Hotel, keine geführte und bekochte Rundreise. Einfach mit einem Freund.

«Ich will wissen, ob ich als Stadtmensch in der Lage bin, ein Jahr in der Wildnis zu überleben.» «Du spinnsch», sagten alle zuhause. Wie verrückt das ist, merkt man aber erst in Alaska, wenn man von den Einheimischen den Spitznamen«crazy swiss guy» bekommt. Ein Jahr ohne alles in der Wildnis, das machen nicht mal die. Die träumen von Hawaii. Gut, Ueli ist im Engadin aufgewachsen, war schon auf dem Mt. Blanc und hat im Schnee geschlafen. Okay. Was Schweizer halt so machen. Ich weiss gar nicht, wo anfangen. Essen? «Naja», sagt Ueli, «eigentlich bin ich ja Vegetarier, aber für den Fall habe ich bei einem Metzger gelernt, wie man alleine ein Rind zerlegt. Das hätte ich dann einfach mit einem Elch gemacht.» Ah ok, easy.


Und wenn du krank wirst, dich verletzt? «Ich hatte zu dieser Zeit ein Zimmer bei einer Ärztin, die hat mir das Wichtigste gezeigt. Verbände anlegen und Wunden nähen. Erst an einer Puppe, dann als Praktikant bei ihr in der Praxis, direkt am Patienten.» Logo. Wie denn sonst. Alles in allem einfach die üblichen Reisevorbereitungen. Ich war letzte Woche am Türlersee und bin mit einem leichten Sonnenbrand nach Hause gekommen. Man muss schon aufpassen. Wehe, man stellt die leere Bierflasche auf die falsche Rückgabefläche. Fünf Generationen nach mir bekämen keinen Standplatz für den Wohnwagen.

In Alaska hat man andere Sorgen. Denkste. Ueli hat sich sauwohl gefühlt und genau dieses Gefühl gefunden, das er während eine Aufenthaltes in Kanada erstmals erlebt hat. «Diese Weite», schwärmt Ueli, «und die Vorstellung, wie sich Indianer damals gefühlt haben müssen, als einzige Menschen ineinem so riesigen und reichen Land.» Von diesem Gefühl erzählt mir Ueli immer wieder. Im Nichts zu stehen, oben auf einem Hügel und in die Weite zu blicken. Nur du und die Stille. Absolute Stille.

«Ein so schönes Gefühl hatte ich überhaupt nie in meinem Leben. Mein Bauch, mein Herz, ich selbst war total erfüllt. Voll und leer. Euphorisch und ruhig. Einfach eins mit dem Jetzt. Einsam? Nein, frei.»

Was man sonst so macht, Tag für Tag, in Alaska, habe ich nicht gefragt. Eine Blockhütte wurde gebaut, natürlich eigenhändig. Mit der Motorsäge. Und da war es wieder, am anderen Ende der Welt – das Holz. Ueli klappt die Klinge seines Sackmessers aus und erinnert sich – an zuhause, das Engadiner Holz, Vaters Schnitzkünste. Nie hatte er seit jenen Erlebnissen zuhause wieder mit Holz gearbeitet, nie geschnitzt, nie gehobelt. Nie war die Heimat in diesem fernen Alaska näher als jetzt. Und Ueli beginnt zu schnitzen. Einen Bündner Steinbock. Nein, natürlich nicht. Ueli schnitzt einen Grizzlybären.


Und zu seinem Erstaunen gelingt ihm dieser tatsächlich gut. Bei den Feinarbeiten allerdings haut er dem Holzbären eine Tatze ab. Verdammt, Ueli, das ist einfach nicht gut genug. Es muss perfekt sein. Ein Fehler, den sich Ueli nicht verzeiht und den der Holzbär teuer bezahlen musste. Er wurde den Flammen geopfert.


Nicht gut genug, Ueli, nochmal. Warum? Wir wissen es nicht. Alles hatte Ueli überwunden, aber diesen Berg, immer perfekt sein zu müssen, nicht. Noch nicht. Ueli und sein Freund überlebten das Jahr ohne Zwischenfälle. Noch nicht mal eine Grippe, trotz wochenlangen Wanderungen bei -40 Grad. Zuhause angekommen, fühlte sich Ueli schlecht. Nach Alaska war Zürich einfach zu viel. Oder zu wenig? Einfach falsch. Wochenlang kämpfte er mit sich. Doch es war, wie es im Leben immer ist: Es geht weiter. Ja, gut, ganz am Schluss ist dann Schluss, aber bis dahin geht es weiter. Immer und immer wieder. Und so begann er wieder, in seinem gelernten Beruf als Grafiker zu arbeiten und erlebte intensive Jahre bei Zintzmeyer und Lux.




Jetzt arbeitet Ueli selbständig und immer öfters und immer lieber in seinem Atelier, wo er, nach einer langen Reise, mit Holz arbeitet. Das einst Verschmähte ist ihm jetzt das Liebste. Seine Skulpturen formt er mit der Kettensäge, nach eigenen Skizzen. Zuletzt hat er angefangen, sich vom Abstrakten zum Figürlichen hinzuwenden. Figuren, die er aus Restmaterial zusammensetzt, die bei der Arbeit mit der Kettensäge abfallen. Ueli hat den letzten Gipfel erklommen und den Perfektionismus abgelegt. Die Reise an diesen Ort war lang, aber schlussendlich hat er die wirklich grosse Freiheit, die Befreiung von selbst auferlegten Zwängen, nicht in Alaska, nicht zuhause, sondern in sich gefunden. Ueli reist noch immer.

Aber nicht mehr nach aussen, sondern nach innen. Pfadet durchs Holz, formt seinen Weg, seine Figuren. «Ich glaube, man kommt auf die Welt, um möglichst seinen Fähigkeiten getreu zu leben», sagt er. Uelis Fähigkeit ist zweifellos das Reisen, das Gestalten, das Überleben. Die eigene Bestimmung zeichnet sich oft früh ab, nur weiss man es dann noch nicht. Während seiner ersten Anstellung im Grafikerbüro Müller Brockman war er massgeblich für die Entwicklung des heute noch gültigen SBB Logos verantwortlich. Der erste Ruf der Reise, und Ueli folgte ihm.

@bieri_sculpturen