Goldküste
Text und Foto für Transhelvetica, Ausgabe Gold 

Die Schweiz ist das Goldvreneli der Welt. Klein und goldig. Global gesehen wohnt also jeder von uns an der Goldküste. Aber das Glück besteht – wie Reichtum – immer nur relativ zu den anderen. Darum wohnen wir, die wir in der Schweiz wohnen, eben doch nicht alle an der Goldküste. Sondern nur die, die am linken Ufer des Zürichsees wohnen. Rechts ist nichts. Rechts, da herrschen Pest, Fäulnis und Armut. Da will man nicht hin. Nicht unbedingt wegen Pest, Fäulnis und Armut, aber weil da sie Sonne früher untergeht. Obwohl man sich fragt, ob man die Sonne überhaupt noch sieht, solange wie man arbeiten muss um sich die Sonnenseite des Lebens leisten zu können.

Gut, die Frau ist schön braun und das Kind bekommt Vitamin D. Trotzdem hätte ich die Sonne als Businessmodel nie abgesegnet. Zu wenig Mitspracherecht. Richtig fies wird es ja vorallem, wenn man es doch noch vor Sonnenuntergang auf die Terrasse geschafft hat. Dann sieht man nämlich: Pest, Fäulnis und Armut. Denn die da drüben sind ja schon im Schatten. Und niesen. Und trinken Tee. Und montieren schon mal die Skiträger. Ich hab also Sonne, muss mir aber dieses Schattenloch ansehen. Arbeite ich weniger, sehe ich die Sonnenseite, arbeite ich mehr sehe ich die Schattenseite. Ja gut, den See sehe ich auch noch. Aber wer den See sieht denkt sowieso nur an eines: das Meer. So wie man bei 200 Quadratmetern an 300 denkt, bei einem S4 an einen S6 und im Museum an Fussball.

Wer den Segen hat, braucht für den Fluch nicht zu sorgen. Und der Fluch ist: Gold wiegt schwer. Die wenigen Villen, zu denen mir während meines Lebens zutritt gewährt wurden, lagen alle an der Goldküste. Und sie alle waren wunderschön. Schön gebaut, schön möbliert und schön gross. Ich schlenderte durch Wohnzimmer wie sonst durch Möbelhäuser. Wurde von ähnlicher Musik berieselt und auch ab und angefragt, ob man sich noch umsehe, oder bereits ein konkreter Wunsch bestünde, andernfalls man eingeladen wäre das schlendern doch im Garten zu versuchen. Durch den Garten schlendernd streife ich an Kunstobjekten vorbei, die, anders als die in der Stadt, taubenschissfrei sind und so abstrakt, wie der Reichtum der Besitzer. Ich staune schonungslos.
Nur die ersten Male versuchte ich so zu tun, als kennte ich das alles von zuhause. Kühlschränke nur für Wein. Kunst nur im Original. Ein WC mit Blick auf den Zürichsee. Erst fand ich das toll. Dann war mir komisch. Vielleicht weil es so aussah, als schiffte man direkt in den Zürichsee. Beim Hände waschen überlegte ich, woran es sonst noch liegen könnte und beim Hände trocknen wurde es mir klar: Dekadenz. Denn da war nicht einfach ein Frottetuch, da lag ein Stapel kleiner Tücher. Jedes wird einmal gebraucht und landet dann im Wäschekorb.

Und die Dekadenz-Spirale begann sich zudrehen: Die sind dekadent, aber nur für dich, für andere bist du dekadent, aber nicht so, aber da kann mannichts machen, kann man doch, hau sofort ab, lass dich nicht blenden, ein bisschen noch, passiert schon nichts. Nun, es ist nichts passiert. Ich habe mir die Badehosen angezogen und bin in den Pool gesprungen. Mit Villen habe ich nichts mehr zu tun. Mein Pool ist jetzt der See. Und um diesen See bin ich aneinem dieser heissen August-Tage gefahren. Zürich, Goldküste, Rapperswil, Pfnüselküste, Zürich, Meilen, Horgen und zum Schluss nochmal alles von oben. Ideal fürs Cabrio, die erste Fahrstunde mit dem Range Rover oder Tempobolzer auf dem Velo.

Kaum aus Zürich raus, bin ich auch schon in Trance. Immer das selbeTempo, dieselben Häuser, dieselben Rebberge. Alles schön, natürlich. Aber es zieht an mir vorbei wie dieHintergründe in Zeichentrickflmen. Die Figuren rennen, aber der Hintergrund ist eine Schleife. In Stäfa bleibeich kurz hängen, als ich das «Seehus» sehe. Das war einmal ein tadelloses Restaurant. Auf der Strassenseitestanden die Ferraris, auf der Seeseite die Boote. Schon lange her, aber so richtig Goldküste. Industrie, Bank,Generationengeld. Doppelreiher mit Zigarre assen drei Stunden lang Zmittag. Diese Leute werden, wenn sieärmer werden, reich. Keine Wertung, es geht nur ums Geld. Und weil mein Götti Chef vom Ganzen war, durfteich als Kind da rumtollen und Schlauchboot fahren. Das schönste: Ich dachte, das sei normal.




Heute glänzen im Seehus anstelle des Restaurants zwei Lofts. Ich hatte mir vorgenommen, die Monats- mieten zu recherchieren – aber ehrlich, lassen wir’s lieber. Ich reite also weiter auf diesem bananenförmigen Küstenstreifen. Mein neuer Kopilot: Hunger. Bald ist fertig Goldküste und mich schaudert schon vor der Vorstellung, auf der Pfnüselküste nach Hause zu fahren, als es dramatisch wird: Das Schloss Rap- perswil erhebt sich. Erbaut 1220 bis 1230 von Vogt Rudolf von Rapperswil. Logisch. Und ich nehme mal an, auch der war dauernd erkältet. Denn, so schreibt es der Geschichtsschreiber, der Vogt wohnte erst auf der gegenüber liegenden Seite des Sees, in Alt-Rap- perswil, dem heutigen Altendorf. Eines Tages zügelte von Rapperswil nach Rapperswil, baute sich dieses Schloss und wurde kurz darauf auch gleich zum Gra- fen ernannt. Goldküste eben.

Grafen, Gold, Gott hab ich Hunger. Und jetzt möchte ich mir – und vor allem meinem Kopiloten – auch mal Gold gönnen. Zeit also für ein Restaurant. Und das Beste am Platz wird wohl das am besten Platz sein, denke ich. Oben im Schloss, so hört man, soll es auch gut schmecken, aber ich will zum Wasser. So laufe ich die Seepromenande entlang und erreiche das Hotel und Restaurant Schwanen. Elegant, gross, vier Ster- ne. (Verflixt, das nervt. Nur vier.) Das Beste war der Fisch und der Käsewagen. Ich steh' auf Käsewagen.

Da liegen  die Käse nicht einfach rum, sondern werden sortiert präsentiert. Im Uhrzeigersinn von mild bis kräftig. Das zeugt von Kenntnis, Hingabe und Freude.
Ohne Kopilot aber mit neuen Kräften bin ich bereit für die dunkle Seite des Zürichsees. Zuerst rollt man über den Seedamm und passiert den Dreiländerstein. An diesem Punkt treffen sich die Kantone Zürich, Schwyz und St. Gallen. In meinem Rückspiegel verschwindet das Schloss zu meiner Linken erheben sich Berge wie Speer, Mürtschenstock und Vrenelis Gärtli. Alle sicher ihre eigene Geschichte wert, vor allem sV- reneli, aber ich bin immer noch im Goldfeber. Was mir von den Geschichten über das grosse Goldfeber damals in Kalifornien vor allem hängen blieb, ist die Tatsache, dass in erster Linie nicht die Goldsucher reicher wurden, sondern jene, die den Goldsuchern die Goldsuch-Ausrüstungen verkauften. Also Händ- ler und Kaufeute. Die wohnen heute an der Goldküste. Oder suchen ein Stück davon. Also wer verdient dann heute an denen? Immobilien-Händler?

Mit diesen Gedanken gleite ich das linke Zürichseeufer hoch und ich frage mich: Können all diese neu gebauten Terrassenhäuser irren? Ist es hier wirklich so übel? Weisse Betonkaskaden stottern die Hänge hinunter. Da stehen sicher wetterfeste Lounge-Möbel draussen rum. Lifestyle nimmt Platz weg. S.U.V. or not to be. Und schon beginnt sich die Dekadenz-Spi- rale wieder zu drehen und das passt mir gar nicht. Ich brauche eine Abkühlung und finde sie auf der Halbinsel Au, im Auried. Eine kleine hübsche Bucht, ein Anlegesteg, nichts weiter. Und natürlich freie Sicht auf die Goldküste. Sehr schön. Aber auch sehr zugebaut, fällt mir auf. Die Orte zerfliessen, gehen ineinander über. Ob es bald einen Ort «Goldküste» gibt?

Es ist bereits Abend, als ich wieder in Zürich bin. Das heisst: Stau. Und wo ich so dastehe und schwit- ze, entscheide ich mich, noch eimal die Goldküste runter zu fahren und mich den an die Goldküste nach Hause fahrenden anzuschliessen. So, hier muss ich abbiegen. Nein, da wohne ich. Hoffentlich ist das Einfahrtstor repariert.

In Herrliberg lümmeln ein paar Jungs am Hafen rum und springen von allem, was ans Wasser grenzt, in den See. Goldjungens. Da sind sie. Ihr Lieblingswort war «Altä». «Altä, häschmer siPhone?» «He altä, hols där sälber!» Haha, herrlich. «Kann ich eure Sprünge fotografieren?» frage ich einen der Goldjungen. «Klar!» Zum ersten mal hätt ich mir gewünscht, dass einer mir «altä» sagt. Aber nein, nur die Jungen bekamen ein «altä».

Zur Verabschiedung gab’s für mich dann aber doch noch ein «altä» – in Form von «adie». Mist. Einer hat noch ’nen Fisch gefischt, dann sind alle ab ins Training. Die ganze Goldküste abzufahren war mir bei dem Verkehr dann doch zu uninteressant, so nahm ich in

Meilen die Fähre nach Horgen. Und das war wahnsinnig lässig. Einfach kurz Schiff fahren, nichts tun können, ausser Wind und Wasser geniessen.

Bevor ich jetzt schon wieder nach Hause fahre, möchte ich mir das Gefahrene und Gesehene nochmal als Ganzes betrachten. Also fahre ich nach Adliswil und nehme die Seilbahn zur Felsenegg. Ich bin fast alleine. Jemand hat Geburtstag, die Belegschaft singt und ein Tourist behauptet, das da hinten sei das Matterhorn. Langsam legt sich der Schatten nun auch über die Goldküste. Aber man hat das Gefühl, sie leuchte noch immer.