Reportage medico JOURNAL

Der äussere Monolog


Astronomie und Weltraumfiktion mit
Prof. Dr. Philipp Theisohn.



Alles begann mit einem Fehler. 1877 zog der Mars besonders nahe an der Erde vorbei, sodass sich der italienische Ingenieur Giovanni Schiaparelli entschied, eines seiner Teleskope zu testen, indem er es auf den Mars richtete. Dort sah er nebst Landmassen auch viele Senken, die er, wie im Italienischen üblich, als «canali» protokollierte. So weit, so «science». Die Fiction steuert die Übersetzung bei, die «canali» in «canal», also «Kanäle» übersetzt und somit impliziert, dass diese technischen und nicht natürlichen Ursprungs sind.



Eine Interpretation, die wohl durch den Bau des Panamakanals beflügelt wird, der just in diesen Jahren die Menschheit fasziniert. Die vermeintlichen Mars-Kanäle als Nachweis für intelligentes Leben auf dem Mars bündelten den Fokus der Welt auf den roten Planeten und beflügelte die Phantasie vieler Erdlinge. Bevor irgendwo ein Countdown zu hören war, zündete eine Literaturkultur auf dem Mutterschiff Erde, die sich nicht mehr bändigen lassen sollte – weit vor den ersten «small step for man» streckte der Mensch seinen Geist ins All, hangelte sich von Monden über Phantasien zu Planeten und inszenierte sich ein Bühnenbild in den leeren Raum.

Faszination? Neugierde? Einsamkeit? Das erste Raumschiff der Menschheit heisst Fiktion, die Reise dieses Schiffs untersucht Prof. Dr. Philipp Theisohn. Als Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft am Deutschen Seminar der Universität Zürich forscht er zum Thema «Literarische Darstellung des Weltraums von der Antike bis zu Gegenwart», hat die Ausstellung «Mars» im Strauhof kuratiert und zeichnet als Mitherausgeber von «Des Sirius goldene Küsten – Astronomie und Weltraumfiktion» verantwortlich.


«Literatur und Universum, wie kommts?», will ich vom Prof. wissen. «Nun, seit der Antike versucht der Mensch, das Universum zu begreifen, fassbar zu machen. Die Literatur ist eine, und meiner Meinung nach die beste Möglichkeit, dies zu tun. Denken Sie an Kepler, den legendären Mathematiker. Sie leben im 16. Jahrhundert und wollen der Welt beweisen, dass sich die Welt um die Sonne dreht. Zeigen können Sie das nicht. Sie brauchen eine Aussenperspektive. Erst die Aussenperspektive macht unseren Zustand sichtbar. Diesen Zustand so zu beschreiben, dass das Abstrakte fassbar wird, das kann Literatur.» Die Aussensicht also. Ist das Selfie die Subsumierung unserer Spezies?Jeder macht eins, hat eins gemacht, je fremder sie einem sind, desto älter ist man, also je natürlicher sie einem kommen, desto jünger, zukünftiger ist man. Sie fluten die Welt dank dem Ding der Unmöglichkeiten, dem Endgerät der Zukunft, dem Smartphone. Neues tut der Mensch dabei nicht, wer es sich leisten konnte vor dem Smartphone und vor der Zeitversiegelungsmaschine Fotoapparat der liess sich malen, liess sich in Stein meisseln und erhielt so sein, meist vorteilhaftes Abbild.

Also auch hier nichts Neues, Facetune hatten auch die Pinselmeister schon drauf. Immer war es gefragt, das Abbild seiner Selbst, als Beweis der Existenz und dem Wunsch, die Zeit nicht entkommen zu lassen, sie festzuhalten und im verrunzelten Alter auf die Erinnerung an die Jugend schauen zu können. Ich weiss, was ich tue, was ich sage, was ich trage und manchmal sogar, was ich will, aber ich sehe mich nicht. Dafür brauche ich eine Rückmeldung und die bekomme ich über die Kommunikation mit dem Aussen. Zuerst von meinen Eltern, dann meinen Freunden, meinem Partner, dem Schiedsrichter, dem Finanzamt und der Community, also meiner Spezies. Die Aussensicht hilft mir, meine Existenz zu begreifen. Um diese Aussensicht zu bekommen, muss ich eine Nachricht absenden, auf die reagiert werden kann. Die Kommunikation mit dem Aussen löst eine Reaktion aus, die mein Ich mitdefiniert und mir ganz nebenbei noch die vermeintlich furchtbare Vorstellung nimmt, allein zu sein.


Das Selfie sagt, ich bin hier, ich war hier, es gibt mich und hat mich gegeben. Und doch – würde eine entfernte Spezies in einer entfernten Zeit diese Dokumente der Realität finden – sie müsste spekulieren, eine Fiktion entwerfen, die wiederum gefärbt wäre von ihrer Kultur, ihrem Wissen, ihrem Spektrum der Sinneswahrnehmung. Bei all der Fiktion, Forschung und Versuche ist mir die eine Variante der Geschichtsschreibung zwischen Mensch, Universum und möglichen Kontakten nicht in den Sinn gekommen. Aber jetzt, da sie Prof. Dr. Theisohn formuliert hat, ist sie die Eindrücklichste. «Auch wenn wir Kontakt herstellen würden und uns eine andere Spezies besuchen würde, wer sagt denn, dass wir, die Menschen überhaupt interessant für die Aliens wären? Vielleicht wären für sie die Elefanten viel interessanter.»

Bis dato ist alles, was die Sonden im All gefunden haben, nichts. Steine, Geröll, kalte Orte, heisse Orte. Aber wir sind und bleiben «last man in space». Ohne Freunde, Feinde, ohne Reiz und Reflexion von aussen, die uns in der kosmischen Geschichte verortet, und so machen wir weiter Selfies, suchen und sind «lost in space». Vielleicht schaffen wir es mal auf den Mars, wenn wir so weitermachen mit der Erde müssen wir wohl, nur können wir dann nicht Matthew McConaughey losschicken, der uns zur Musik von Hans Zimmer und motiviert durch das Gedicht «Do not go gentle into that night» von Dylan Thomas über die vierte Dimension ein neues Zuhause schenkt. «Würde man», so Theisohn, «den Mars besiedeln wollen, so bräuchte man zirka 400 Jahre, nur um für ein paar Menschen den Sauerstoff aufzubauen, den es zum Leben braucht.» Bis dahin besiedeln wir das Universum mit Literatur, genährt durch Fantasie, Fakten und Träume. Und bis wir was gefunden haben, schaffen wir uns die Freunde, die wir nicht haben. Schreiben Geschichten, die wir am Lagerfeuer Erde erzählen, am einzigen Ort bis anhin, wo es warm ist und wir nicht allein sind. Rundherum ist Nacht, in der alles sein kann. Hungrige Wölfe oder Töpfe voller Gold.

Bei all der Technik trägt uns die Literatur am weitesten weg, wärmt uns mit einer Wärme die anders ist, tiefer dringt, so wie die Wärme des Feuers tiefer dringt als jede andere. Inzwischen fliegt Golden Record weiter, tiefer ins All und trägt in sich ein immer älter werdendes Bild von uns, während wir weiter am Lagerfeuer sitzen.



Sie trägt ein Bild von uns, dass das wichtigste vergessen hat, das der Mensch zu bieten hat: Forschung und Bildung nämlich, ohne die Voyager nicht möglich wäre, ohne die Golden Record nicht möglich wäre, ohne die dieses Heft, der Druck, das Layoutprogramm, die Uni Zürich und der Wasserkocher nicht möglich wären. Und mit dem Wichtigsten hat sie das vergessen, was das Wichtigste möglich gemacht hat: das Buch und die Literatur. Voyager ist losgezogen mit nur genau einer Abbildung einer Buchseite. Falls uns irgendjemand findet, sind wir eine Zivilisation ohne Bücher. Wir lesen und schreiben nicht. Dabei schreiben wir die ganze Zeit ins Weltall. Wie verrückt. Aber niemand schreibt zurück. Und so sitzen wir weiter am Feuer und führen einen äusseren Monolog mit dem Universum.

Philipp Theisohn ist Professor für deutsche Literatur an der Universität Zürich und leitet das Forschungsprojekt «Conditio extraterrestris. Das bewohnte Weltall als literarischer Imaginations- und Kommunikationsraum 1600–2000».

Hörtipp: Mix von Prof. Dr. Philipp Theisohn und Bit-Tuner auf Soundcloud.

Fotos: Stephan Huwyler



Mark
Podcast

theliver.rocks


theliver.rocks is my podcast dedicated to rock music, created with friends who rock. for each episode we set up two turn tables, and play vinyl we think kicks ass.

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Mark
Reportage medico JOURNAL

Feuer und Fenya


Felix hatte keine Ahnung von Pferden, jetzt hat er Fenya.


Wir wissen nicht, wie alles begann. Wie wissen nur, dass es vor zirka 13.8 Milliarden Jahren begann. Alles, was zum heutigen Universum geführt hat, schlummerte in einem winzig kleinen Punkt namens Singularität. Dann kam der Urknall und mit ihm Sauerstoff, Kühe, Musik, Netflix, Rösti, der Stau am Gotthard, unser Planet Erde und die Frage, woher das alles kommt. Vielleicht ist es sogar für das Universum unmöglich, nichts zu tun, nicht irgendwann zu reagieren, nicht irgendwann den Fussball zu treten, der da auf der Wiese liegt. Ohne Grund, ohne Ziel, einfach, weil es möglich ist und irgendwas in uns drin sagt «tu es». So wie irgendwas in uns drin schlussendlich immer wieder sagt «mach' weiter», trotz allem.

In diesem Moment fühlen wir das Feuer, aber woher der Funke kommt, wissen wir nicht. Genau darum hüten wir das Feuer, lassen es nicht ausgehen. Der Funke ist die Singularität in uns, die einfach da ist und alles beinhaltet, was jemals sein wird, von der wir aber nicht wissen, woher sie kommt, was oder wer sie auslöst. Sie wartet dort in uns, bis ein Funke das Feuer des Lebens entfacht und wir geboren werden, obwohl wir schon lange da sind. Weil wir etwas gefunden haben, dass das Leben in uns gebiert.

Felix hatte so einen Moment, im Frühling irgendwo im Jura. Wie so oft ist er mit dem Motorrad unterwegs. Ein Motorrad, das nach Abenteuer ruft, mit Stollenpneus und Seitenkoffer. Nicht besonders schnell, aber es scheint zäh und zuverlässig. Es ist eher der Muli von Clint Eastwood als Seabiscuit: Bereit für den langen, steinigen Weg, aber an Spitzenzeiten im immer gleichen Rund der Rennbahn nicht interessiert. So steht Felix jetzt, da es Nacht wird an einer Kreuzung im Jura und sucht nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Google schickt ihn zu einem Pferdehof und beeinflusst somit Felix' Leben nachhaltig. Ein Ereignis, das die kaskadische Verbundenheit all unserer Leben skizziert; wer weiss schliesslich, ob Felix und Fenya zueinander gefunden hätten, wäre am 4. September 1998 in Mountain View, Kalifornien, nicht Google gegründet worden?

Am Pferdehof angekommen, entscheidet sich Felix, der bis anhin nur ein oder zweimal im Leben Kontakt mit Pferden gehabt hat, an einem Ausritt teilzunehmen. Aufgrund seiner mangelnden Erfahrung wurde ihm dies erst vom Stallscheff verwehrt, dann liess man die Zügel aber doch ein wenig lockerer und man gab ihm Fenya. Die sei nämlich gemäss Stallscheff «kein Pferd, sondern eine Lebensversicherung».

Es war Liebe auf den ersten Ritt. Nicht diese Liebe, die auf Lebkuchenherzen verschenkt wird oder mangels intensiver Auseinandersetzung schnellschnell per Emoji-Küsschen im Chat versandt wird. «Ich habe mich in dieses Pferd verliebt», sagt mir Felix, der erwachsene Mann und Geschäftsführer seiner selbst gegründeten Internet-Agentur. Auch Fenya schien Gefallen an Felix zu finden, hat sie ihm doch nach dem ersten Ausritt die Hände abgeschleckt. Was das in Pferdesprache heisst, weiss ich nicht, aber ich unterstelle diesem Ausdruck Zuneigung. Viele würden wohl von so einer Romanze träumen. Unverhofft, leicht und gegenseitig.

Felix muss zurück nach Zürich, die Arbeit ruft. Mit den Kilometern, die er sich von Fenya entfernt, spürt er, wie das neu gewobene Band zwischen ihm und ihr immer stärker zu ziehen beginnt, und, wie bei einem Gummiband, der Widerstand Kilometer um Kilometer zunimmt. Auf einem Pass angekommen, denkt er sich: «Pferdewandern, das wäre schön. Langsam, ruhig, ohne Menschen und doch nicht alleine.»

Spätestens hier merkt Felix, dass das kein Ferienflirt war, dort im Jura. Wenn man beginnt, sich eine gemeinsame Zukunft vorzustellen, wird es ernst. Und es war ernst, denn die Gedanken an diese Zukunft liessen ihn nicht mehr los. Erklären konnte er es sich nicht, aber wer kann das schon. Warum mir gerade die oder der so einfährt; so eine wie die oder den wollte ich doch nie und eigentlich fand ich die oder den immer doof. Und dann doch, ist es einfach so, es entfacht ein Funke ein Feuer, dessen Wärme man insgeheim vermisst hat. Eine Wärme, die man so sehr vermisst hat, dass man gar nicht wusste, dass sie dich so wärmt. Wie auch. An diesem Ort war es so kalt, dass du dort nie hingegangen bist. Dort wächst nichts, denkst du, aber dann kommt jemand und erweckt genau diesen Ort zum Leben. So, wie du im anderen ein Feuer entfachen kannst. So kommt ihr zusammen, weil ihr wisst, wenn wir es schaffen, dieses Feuer zu hüten, kann uns keine Dunkelheit etwas anhaben.

In Felix kämpft es. «Was soll ich mit einem Pferd. All diese Arbeit, all dieses Geld. Dann ist es ja noch ein Lebewesen, das kann ich nicht einfach in der Garage überwintern wie meinen Töff. Das will geputzt, gefüttert und bewegt werden. Eine persönliche Beziehung soll man auch noch aufbauen. Jesses.» Felix versucht, die emotionale Bindung zu Fenya zu trennen, seine Gefühle für diese stämmige Kaltblüterin abzutöten. Wenn schon ein Pferd, dann was Rassiges. Nicht so ein Arbeitspferd, so einen Panzer.

Und dann war es entschieden. Felix fährt über den Sommer jedes Wochenende in den Jura um Fenya zu besuchen. Es war seit dem ersten Treffen entschieden, aber der das Feuer entfachte so schnell, dass man es erst sah, als es lichterloh brannte. Man musste es nicht langsam entfachen und die Flamme vom Zunder übers Anfeuermaterial zum Brennmaterial bitten. Nein, es war einfach Felix, Fenya, Funke, Feuer. «Es geht nicht darum, dass es ein Pferd ist», sagt Felix. «Mir gefällt Fenya einfach als Lebewesen, als Charakter.»

Und wie immer nach der ersten Verliebtheit beginnt jetzt die Arbeit für das gemeinsame Miteinander. Wie lebt man zusammen, wieviel Freiheit braucht man, will man, wie kommuniziert man miteinander, was nervt, was gefällt, welche Kompromisse geht man ein. Zusätzlich ist für Felix diese Pferdewelt komplett neu. Als Geschäftsführer einer Agentur für Weblösungen in Zürich und in Zürich wohnhaft, ist er eine andere Haptik und andere Kommunikationsarten gewohnt. Von Maschinenlogik geprägte Codezeilen bestimmen seinen Alltag, seine Band «Bläss» prägt seine Freizeit. Jetzt wurde so vieles neu, dass es Felix oft den Atem verschlug.

Die ersten Kontakte mit Fenya waren stets geprägt von einem mulmigen Gefühl. Er mochte Fenya fest als Lebewesen, aber der Umgang mit einem Pferd war zu ungewohnt. Es half Felix auch nicht, dass jeder Experte eine andere Meinung zum Umgang mit Pferden hatte. Felix wurde nervös. Wollte er Fenya nach Zürich holen, musste er den Umgang mit ihr bis zum Herbst erlernt haben. Wie putze ich sie, wie rede ich mit ihr, wie bin ich dominant genug ohne die Wärme vermissen zu lassen. «J'arrive pas avec le sabots», bittet Felix den Stallscheff verzweifelt um Hilfe. Dieser lädt Felix erst mal auf ein Glas Wein ein. Vielleicht die jurassische Art ihm zu sagen «ganz ruhig, Brauner, das wird schon». Vorab wurde es aber nichts. Felix plagten Angstattacken, die er mit Atemübungen bekämpfte. Beim ersten Reitversuch wurde er von Fenya abgeworfen. «Aber nur ganz sachte, ich landete direkt neben ihren Füssen», nimmt Felix Fenya in Schutz. Er mag sie wirklich sehr. Das sieht auch der Stallscheff und lässt Fenya mit Felix ziehen.

Fenya lebt jetzt in Fällanden auf dem Bollenrütihof, einer Pferdepension mit weiten Feldern und sehr sympathischen Gastgebern. Felix fährt mit seinem Motorrad täglich zu Fenya um sie zu besuchen, sie zu putzen, mit ihr zu reden und sie im Round-Pen laufen zu lassen. Ich besuche Felix auf dem Hof in Fällanden, nachdem wir über seine Geschichte geredet haben, in der Woche zuvor bei einem Bier. Jetzt, am Hof, gibt es kaum noch etwas zu sagen. Felix kümmert sich um Fenya, andächtig, gleichzeitig in sich verloren und aufmerksam. Unten am Hang, an dem der Hof liegt, sammelt sich der erste Herbstnebel, Pendlerautos fahren von da nach dort. Felix führt Fenya in den Round-Pen, wo sie zum ersten Mal galoppiert, seit sie mit Felix zusammen ist.

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Do not let your fire go out, spark by irreplaceble spark in the hopeless swamps of the not-quite, the not-yet, and the not-at-all. Do not let the hero in your soul perish in lonely frustration for the life you deserved and have never been able to reach. The world you desire can be won. It exists, it is real, it is possible, it's yours.

– Ayn Rand


Bilder: Stephan Huwyler

Übrigens, in Fenyas Pferdepension sind noch Plätze frei. Infos unter bollenruetihof.ch
 Und was Felix sonst so macht sehen Sie unter flxlabs.com

Mark

Teleclub – Champions League 19/20


Idee und Produktion für die screen-up 2019 im Auftrag von Teleclub



Reportage medico JOURNAL

Punktwelt


Was im Stillstand bewegt – Reportage aus der Sukkulenten-Sammlung Zürich



«Können Sie mir das nochmals erklären, ich habe es nicht ganz verstanden», eröffnet die anwesende Gärtnerin der Sukkulenten- Sammlung Zürich unser zweites Gespräch. Das erste Gespräch hielten wir im Eingangsbereich, jetzt sitze ich hinten im Gross- pflanzenhaus. Im Eingangsbereich habe ich ihr meine Idee erläu- tert, einen Tag bei den Sukkulenten zu sitzen, um mich meiner und der Bewegungen der Stadt zu entziehen. Um zu erfahren, wie es ist, sich (genauso wie die Sukkulenten seit Jahrzenten) nicht zu bewegen. Indem ich auf das verzichte, was ich unbedacht immer tue und es dann, nach stundenlangem Unterlassen, wieder tue, hoffe ich, einen anderen Blick auf die Bewegung zu bekommen. Das habe ich der Gärtnerin erklärt, morgens um halb zehn in der Sukkulenten-Sammlung. Ich verstehe, dass sie nachfragt, es hat sich auch für mich komisch angehört. Aber die Redaktion findet die Idee tatsächlich gut, also sitze ich sie aus.

Am Kopf des Rundwegs im Grosspflanzenhaus angekommen, setze ich mich, zeige auf eine der grössten Sukkulenten und frage nach dem Alter. «Oh, so ganz genau weiss ich das nicht, aber 100 Jahre alt wird die schon sein.» Eine Zahl, die meine Eintages-Aufgabe lächerlich wirken lässt, bevor ich überhaupt Stellung bezogen habe. 100 Jahre ohne Bewegung an ein und demselben Ort, sporadische Verpflanzungen nicht ausgeschlossen. 100 Jahre und hier ist sie, gross und stark. Nur noch 5 oder 30 Jahre, dann stösst sie oben am Glashaus an und durchbricht, ohne sich zu be- wegen, ihre Welt. Dieser beständige Geist. 100 Jahre hat er nichts getan, ausser von dem zu leben, was er mit Wurzeln und Körper greifen kann, und entdeckt eine neue Welt.

Ich sitze nun seit einer Stunde hier, während die ersten Besucher eintreffen. Aus Höflichkeit nehme ich ein Heft und einen Stif zur Hand. So lässt sich irgendwie zusammenreimen, warum da ein Typ sitzt, denke ich. Der hat einen Grund, so bewegungslos dazusitzen, der macht nicht einfach nichts. Die meisten Besucher sind Touristen; ein, zwei Pärchen kommen auch. Dann noch zwei 20plus-jährige Influencerinnen oder solche, die es werden wollen. Eine voll auf #styleinspo mit fett #makeuplooks und #heels, während ihre Freundin sie fotografiert. Es ist erstaunlich, wie natürlich die, die das Model mimt, die künstlichen Bewegungen von Pose zu Pose drauf hat.

Ich sitze jetzt drei Stunden und sehe immer denselben Bildaus- schnitt. Unruhe kommt auf. Sonnenbrille auf, Sonnenbrille ab, ein Schluck Wasser. Um mich herum bewegen sich Besucher, Gärtner, zur Mittagspause schaut der Typ von der Wache AG vorbei. Ein Käfer, eine erschöpfte Biene und ein Schmetterling erkunden die Welt in meinem Blickfeld. Rund ums Glashaus bewegt sich Bekanntes: Verkehr, Jogger, Wolken, Vögel, vom Wind bewegte Äste und Blätter, Flugzeuge und die Sonne. Sie alle bewegen sich. Ich fast nicht und die Sukkulenten gar nicht. Sie wachsen nur vom Nullpunkt vertikal nach oben und nach unten. Wir Menschen wachsen nur nach oben und bewegen uns dann wie irr von da nach dort.

Müssen wir uns so irr bewegen? Vor einem Leben noch war das Dorf die Welt, heute ist die Welt ein Dorf. Wo holen wir uns diesen Stachel, auf den Berg da zu müssen und nach dem Berg auf den nächsten Berg und nach all den Bergen von Küste zu Küste zu jagen. Wir sagen, es ist in uns, die Lust auf Abenteuer. Der Mensch muss entdecken, wandern, hinter den Horizont blicken. Entdecker werden bewundert, bewegen sie sich doch in unbekanntes Gebiet, um uns davon zu berichten. Sie bewegen sich für uns, im Namen der Menschheit. Jedenfalls der weissen Menschheit. Die mussten immer auf die Berge, über die Meere. Nomaden, Indogene bewegten sich, um mit der Rentierherde mitzuziehen, auf die Jahreszeiten einzugehen. Aber grundsätzlich waren sie mit ihrer Region zufrieden. Sie bewegten sich im Rhythmus der Natur. Ich glaube, so findet man Frieden. Wenn man den Impuls überwindet, dahin zu müssen. So überwindet man sich selbst. Nur ist das leider der grösste aller Berge.



Je länger ich hier sitze, desto flüchtiger nehme ich die Bewegun- gen der anderen Besucher wahr. Ihr Vorbeiziehen nimmt immer weniger von meiner Aufmerksamkeit in Anspruch, bis sie nur noch einem Wimpernschlag gleichen, austauschbar, unbemerkt. Sie beginnen fahrig auf mich zu wirken. Ich frage mich, was sie in dieser kurzen Zeit ihrer Anwesenheit zu sehen glauben. Dabei gibt es so viel zu sehen hier. Jede einzelne Pflanze ist eine Skulptur, ein Standbild eines hundertjährigen Films, eine in super-super-super-slowmotion stattfindende Explosion.

Die zwei Welten passen nicht zusammen. Die kreisenden Besucher und die stoischen Sukkulenten. Passend wir das Bild, richtet man den Blick in den Himmel. Dort, wo die oberen Enden der grossen Sukkulenten ins Blau greifen und von vorbeiziehenden Wolken besucht werden. Das ist das Bild, das ist der Rhythmus, der passt. Und im Kopf wird es leise und wenn es ganz leise wird, beginnen die bewegenden Gefühle anzuklopfen, denen man auf Reisen entflieht und für die es am Check-in viel zu laut und zu bewegt ist. Man beginnt das Blut im eigenen Körper zu hören, und wie das Herz den Saft, der uns am Leben hält, durch unse- ren Körper pumpt. Hier, wo sich die Säfte konzentrieren, wie das Wasser in einer Sukkulente, die besonders viel davon speichern kann, und darum den Namen Sukkulente trägt, vom Wort «succus» abstammend, dem lateinischen Begriff für Saft. Irgend- wann verfängt sich in der meditativen Ruhe ein Gedanke in diesem Rhythmus und man glaubt, hier, in einem drin, inmitten eines von Sukkulenten bewohnten Trockengebiets, hätten Pink Floyd ihre Lieder aus dem Äther gefischt.



Freunde kommen mich besuchen, die von meiner Aktion wissen, unter ihnen der Fotograf. Ich stehe das erste Mal seit circa vier Stunden, dreissig Minuten auf und bewege mich. Der Perspektivenwechsel verschiebt die Sukkulenten, die die letzten Stunden an Ort gestanden haben. Das Bewegungsfasten zeigt Wirkung. Ich bin kurz überfordert, freue mich dann aber, das Bekannte aus neuem Blickwinkel zu sehen. Jeder Meter zeichnet ein neues Bild. Ich bin dankbar, kann ich mich bewegen.