2020: A Hockey Odyssey


Idee und Produktion für den Trailer zur Eishockey-WM 2020 im Auftrag von Teleclub

Reportage medico JOURNAL

Radikal Rational


Der Weg von Roli und seiner Freundin Anika vom Überfluss in die Einfachheit



Das letzte Mal gesehen habe ich Roli am 27. Dezember 2019 in Frauenfeld. Wir haben in einer jener Pizzerien gesessen, die Mario oder Angelo heissen, früher eine Beiz waren und sich nie ganz vom Cordon-Bleu trennen konnten. Man würde sonst den Stammtisch verlieren, und mit ihm die eigenen Stammzellen. Das Licht in der Pizzeria war furchtbar hell und liess den geschmolzenen Käse glasig wirken, Poren wurden gross wie Augen. Die Weihnachtsdeko verzweifelte auf dem Fenstersims und allen Kinderwünschen zum Trotz schneite es auch heute nicht. ;Vielleicht ist es das Wissen um den Wendepunkt in Rolis Leben, der die Wahrnehmung intensiviert, seine radikalen Entscheidungen, die den Ort und das eigene Leben so hell ausleuchten. Roli hat gepackt, seine Wohnung gekündigt und für sich und seine Freundin ein Ticket nach Südamerika gekauft. One way.

Roli hat in den fünf Jahren, in denen ich ihn kenne, sein Leben radikal geändert. Kennen gelernt habe ich ihn als Entwickler bei Tocco, einem Softwareunternehmen in Zürich. Er ging einen Weg, von dem viele träumen. Gut ausgebildet, guter Lohn, gute Karrierechancen, gesund und trinkfest. Es war eine tolle Zeit. Roli war Teil eines Freundeskreises bei Tocco, die sich im Unternehmen oder der Ausbildung kennenlernten und sich sofort verstanden. Man traf sich oft auch nach der Arbeit, genoss das Leben, die Langstrasse und die Aussicht auf die Welt, die einem zu Füssen lag. Der Weg glich einer Autobahn, frei von Verkehr und voller Versprechen, der Horizont war der Anfang vom Himmel auf Erden.


«Damals», erinnert sich Roli, «war ich kaum erwachsen. Wie die meisten, die plötzlich Geld verdienen und jährlich Gehaltserhöhungen bekommen, passte ich meinen Lifestyle stetig an das höhere Einkommen an und genoss mein Leben. 300 Franken oder mehr an einem Abend in Zürich auszugeben, war nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Insgesamt empfand ich es aber einfach als das normale Leben, das man in der Schweiz halt lebt. Man arbeitet den ganzen Tag, verdient sein Geld und kauft sich irgendwann ein Haus, spendet vielleicht ein paar tausend Franken und bezahlt seine Steuern. Dass gute Beziehungen, Gesundheit und die Lebenszeit auf der Strecke bleiben, ist halt normal.»

Doch auf der Autobahn tauchten die ersten Schlaglöcher auf. Erlebnisse, diffuse Wahrnehmungen, verschmelzten zu einem Spiegel, dessen Reflexion sich Roli immer weniger entziehen konnte. Über die Jahre wurden die gemeinsamen Drinks weniger und die Gesprächsinhalte nüchterner. Mitarbeitende und Freunde verliessen das Unternehmen, machen woanders Karriere, reisen. Kontakte wurden virtueller, die Autobahn ins vermeintliche Paradies verkam zum Förderband. War es das? Noch Kinder und einfach immer mehr Geld machen?

Roli beginnt, Bücher zu lesen. Bücher wie «5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen» von Bronnie Ware. Die Antworten nährten seine Ahnungen. «Ich wünschte ich hätte noch mehr Geld gemacht und noch mehr gearbeitet, meine Familie noch weniger gesehen» war nicht die Antwort, die sich in den Bü-chern fand. War Roli also auf dem Holzweg?

Mittlerweile ist Anika, Rolis Freundin, von Berlin zu ihm in die Schweiz gezogen. Sie diskutieren die Erfahrungen, die Werte, mögliche Wege.

Fürs Erste nimmt Roli den Fuss vom Gas, geht aber den eingeschlagenen Weg weiter. Noch immer arbeitet er Vollzeit, noch immer fliegt er als Pilot einmotorige Sportflugzeuge über die Alpen. Zum Beispiel zum Pizzaessen nach Locarno.

2014 dann ein Erlebnis, das auf seiner Autobahn zum ersten Mal auf eine Ausfahrt deutet – Ferien auf den Malediven. «Hier habe ich zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass man richtig viel Geld für nix rausballern kann, wenn man einfach das Gleiche macht, wie es die vormachen, die ein anscheinend ‘gutes Leben leben’ führen. Natürlich ist es sehr schön da, aber dass ein Haufen ‘Sklaven’ den Dreck hinter dir wegräumt und man sich nur den ganzen Tag bedienen lässt, hat mich fast wahnsinnig gemacht. Ich konnte es kaum geniessen, auch wenn es vielleicht auch nicht überall so ist auf den Malediven», erinnert sich Roli. «Ganz anders die Ferien in Archer Point, Australien. Für uns bis heute wahrscheinlich der schönste Ort, an dem wir jemals waren. Das Land gehört den Aboriginals. Sie erlauben kostenloses Campen an diesem traumhaften Ort, fernab von Massentourismus. Es hat keine Toiletten und auch sonst keine sanitären Anlagen, es hat überhaupt keine Gebäude – einfach nur pure, schnörkellose Schönheit und natürlich auch kein Mobile Netz.»

Zurück in der Schweiz beginnen diese Erlebnisse in Roli zu treiben. Wie Wurzelwerk durchstossen sie zementierte Werte, der unebene Boden lässt Roli taumeln, den eingeschlagenen Weg hinterfragen. Roli und Anika reflektieren, was sie wirklich wollen, denn «Das Leben ist kurz», merken auch sie schon in ihren jungen Jahren. «Die letzten zehn Jahre vergingen rasend schnell. Wir hatten nicht das Gefühl, dass wir sie verschwendet hätten. Ich zum Beispiel habe in der Zeit mein Studium gemacht und auch sonst viel gelernt. Wir hatten aber das Gefühl, dass wir Gefahr laufen, die kommenden zehn Jahre zu verschwenden und dass ein grundlegend anderer Kurs als der ‘Standard-Kurs’ nötig sei für die Zukunft.»

«Grundsätzlich geht es uns darum, ein möglichst glückliches Leben zu leben. Das ‘Standard-Leben’ in der Schweiz ist okay, aber es konnte nicht alles sein für uns. Auch wenn uns unsere Arbeit Spass machte, beanspruchte sie zu viel Zeit. Wir wollten mehr Zeit für unsere Hobbys und uns selbst, für uns als Paar. Wenn Anika Spätschicht hatte, sahen wir uns überhaupt nicht, da ich schon im Bett war, wenn sie nach Hause kam und sie noch schlief, wenn ich morgens aus dem Haus ging. Unsere Gesundheit und andere Dinge, die uns wichtig sind, wie zum Beispiel ein paar Monate Volunteering im Jahr, gingen unter. Ausserdem hatten wir nach unserem halben Jahr in Australien Blut geleckt und wollten mehr reisen. Dies aber möglichst ohne die Umwelt allzu stark zu verpesten. Für ein paar Wochen auf einen anderen Kontinent zu fliegen, kam deshalb nicht infrage. Wir müssen langsamer unterwegs sein. Das geht bei unseren finanziellen Mitteln nur, wenn wir unsere Wohnung in der Schweiz aufgeben.»

An Rolis neuem Weg wurde schon lange gebaut, aber um diesen zu finden musste er erst zur Kreuzung gelangen, oder anders gesehen, den Weg eines anderen Menschen kreuzen. Dieser Mensch war Sandro. Sandro ist GL-Mitglied des Treuhand Büros Trewitax. In seiner Freizeit leitete er als Präsident das Hilfswerk «Pro Pomasqui». Der Verein «Pro Pomasqui» unterstützt seit 20 Jahren Sozial- und Umweltprojekte in Pomasqui, Ecuador. Dazu gehören Bau und Unterhalt von zwei Kindergärten, Patenschaften, Umweltbildungen sowie Trinkwasser und Recyclingprojekte. Auf der Suche nach einem IT-Experten geriet Sandro an Roli. Schnell fanden die beiden zueinander, diskutierten über die Welt und Werte. Roli sah, dass die lebensentscheidende Kreuzung erreicht war und er und Anika ihren neuen Weg gefunden haben. Dieser Weg führt sie nach Pomasqui, Ecuador.

«Heute denke ich, dass es wichtig ist, dass jeder seinen Beitrag leistet. Eigentlich macht das ja auch fast jeder. Der ‘Durchschnittsschweizer’ wahrscheinlich hauptsächlich durch seine Steuerzahlungen und Beiträge an die Sozialversicherungen. Ich werde in Zukunft (aufgrund deutlich geringerem Einkommen) deutlich weniger Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zahlen. Manch einem mag dies unmoralisch erscheinen, weil wir so von der Infrastruktur und den Bildungssystemen in Europa profitieren, ohne selber zur Finanzierung beizutragen. Das stimmt gewissermassen.


Die unentgeltliche Arbeit als Volontäre wie hier in Pomasqui ist deshalb auch ein Weg, dies zu kompensieren. Es ist wichtig, seinen Beitrag zu leisten – aber ich betrachte es ‘globaler’ als manch empörter Mitbürger. Klar wäre zum Beispiel die Schweiz nicht so weit, wie sie heute ist, wenn das alle machen würden wie wir – und wir sind dankbar, dass wir von der Infrastruktur und Bildungssystemen in Deutschland und der Schweiz profitieren durften und dürfen.

Unter dem Strich sollte unsere Arbeit als Volontäre in den ärmeren Ländern dieser Welt aber auch dazu beitragen, dass die reichsten Länder und die ärmeren etwas näher zusammenrücken – was aus meiner Sicht nicht unbedingt schlecht wäre. Ich habe meine Rolle vom ‘Default-Beitrager’ als Steuer- und Sozialversicherungszahler einfach durch eine aktive Entscheidung verschoben in einen anderen Bereich. Sie ist jetzt globaler und findet nun mehr durch unentgeltliche Arbeit statt als durch finanzielle Beiträge. Für Tocco arbeite ich übrigens noch immer, wenn auch nur Teilzeit und am anderen Ende der Welt.»



Im Gespräch mit Roli merkt man, er hat einen Meilenstein auf seinem Lebensweg gesetzt. Beide, Roli und Anika, sind sehr nahe an dem, was für sie ein glückliches Leben bedeutet. Und von allem weit weg, was vermeintlich glücklich, aber latent unglücklich macht.


«Die typische ‘Lifestyle-Inflation’ mit steigendem Gehalt führt meist nicht zu einem glücklicheren, sondern nur zu einem teureren Leben. Wegen hedonistischer Adaption macht das neue Auto und die grosse Wohnung nur für relativ kurze Zeit etwas glücklicher, wird aber bald Normalität. Gleiches gilt wohl auch für tägliche Restaurantbesuche. Macht man es jeden Tag, ist es nichts Spezielles mehr, einfach nur teuer und oft ungesünder als das selber zubereitete Essen zu Hause. Geht man dagegen nur einmal monatlich auswärts essen, bleibt es ein spezielles Erlebnis.»


Roli und Anika bleiben noch ein paar Monate in Pomasqui und helfen den Menschen vor Ort, ihren Lebensstandard zu verbessern. Nach ein paar Monaten wollen sie weiterreisen, die Welt sehen und helfen. Ein radikaler Weg, der durch das rationale Abarbeiten der gestellten Lebensfragen gefunden wurde. Was ist mir wichtig? Wie will ich leben? Welche Werte will ich nähren? Roli und Anika haben ihren Weg gefunden. Weil sie Erfahrungen reflektiert und die Lehren daraus umgesetzt haben. Dafür muss man Entscheidungen treffen. Schwierig, dieser Tage, wo wir doch alles haben können.

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Übrigens haben Roli und Anika wegen Corona eine Hilfsaktion für Pro Pomasqui gestartet. Ziel ist es, rund 170 besonders arme Familien während der Krise mit Lebensmittelpaketen zu unterstützen. Wer diese Aktion unterstützen will, findet alle Informationen dazu auf Rolis und Anikas Website www.ranioli.ch/ecuador.

Die Fotos für diese Ausgabe wurden von Roli oder Freunden in Pomasqui gemacht. Sie spenden das Fotografen-Honorar für das Hilfswerk Pro Pomasqui.

Alle Informationen zum Hilfswerk finden Sie unter www.propomasqui.org.





Reportage medico JOURNAL

Der äussere Monolog


Astronomie und Weltraumfiktion mit
Prof. Dr. Philipp Theisohn.



Alles begann mit einem Fehler. 1877 zog der Mars besonders nahe an der Erde vorbei, sodass sich der italienische Ingenieur Giovanni Schiaparelli entschied, eines seiner Teleskope zu testen, indem er es auf den Mars richtete. Dort sah er nebst Landmassen auch viele Senken, die er, wie im Italienischen üblich, als «canali» protokollierte. So weit, so «science». Die Fiction steuert die Übersetzung bei, die «canali» in «canal», also «Kanäle» übersetzt und somit impliziert, dass diese technischen und nicht natürlichen Ursprungs sind.



Eine Interpretation, die wohl durch den Bau des Panamakanals beflügelt wird, der just in diesen Jahren die Menschheit fasziniert. Die vermeintlichen Mars-Kanäle als Nachweis für intelligentes Leben auf dem Mars bündelten den Fokus der Welt auf den roten Planeten und beflügelte die Phantasie vieler Erdlinge. Bevor irgendwo ein Countdown zu hören war, zündete eine Literaturkultur auf dem Mutterschiff Erde, die sich nicht mehr bändigen lassen sollte – weit vor den ersten «small step for man» streckte der Mensch seinen Geist ins All, hangelte sich von Monden über Phantasien zu Planeten und inszenierte sich ein Bühnenbild in den leeren Raum.

Faszination? Neugierde? Einsamkeit? Das erste Raumschiff der Menschheit heisst Fiktion, die Reise dieses Schiffs untersucht Prof. Dr. Philipp Theisohn. Als Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft am Deutschen Seminar der Universität Zürich forscht er zum Thema «Literarische Darstellung des Weltraums von der Antike bis zu Gegenwart», hat die Ausstellung «Mars» im Strauhof kuratiert und zeichnet als Mitherausgeber von «Des Sirius goldene Küsten – Astronomie und Weltraumfiktion» verantwortlich.


«Literatur und Universum, wie kommts?», will ich vom Prof. wissen. «Nun, seit der Antike versucht der Mensch, das Universum zu begreifen, fassbar zu machen. Die Literatur ist eine, und meiner Meinung nach die beste Möglichkeit, dies zu tun. Denken Sie an Kepler, den legendären Mathematiker. Sie leben im 16. Jahrhundert und wollen der Welt beweisen, dass sich die Welt um die Sonne dreht. Zeigen können Sie das nicht. Sie brauchen eine Aussenperspektive. Erst die Aussenperspektive macht unseren Zustand sichtbar. Diesen Zustand so zu beschreiben, dass das Abstrakte fassbar wird, das kann Literatur.» Die Aussensicht also. Ist das Selfie die Subsumierung unserer Spezies?Jeder macht eins, hat eins gemacht, je fremder sie einem sind, desto älter ist man, also je natürlicher sie einem kommen, desto jünger, zukünftiger ist man. Sie fluten die Welt dank dem Ding der Unmöglichkeiten, dem Endgerät der Zukunft, dem Smartphone. Neues tut der Mensch dabei nicht, wer es sich leisten konnte vor dem Smartphone und vor der Zeitversiegelungsmaschine Fotoapparat der liess sich malen, liess sich in Stein meisseln und erhielt so sein, meist vorteilhaftes Abbild.

Also auch hier nichts Neues, Facetune hatten auch die Pinselmeister schon drauf. Immer war es gefragt, das Abbild seiner Selbst, als Beweis der Existenz und dem Wunsch, die Zeit nicht entkommen zu lassen, sie festzuhalten und im verrunzelten Alter auf die Erinnerung an die Jugend schauen zu können. Ich weiss, was ich tue, was ich sage, was ich trage und manchmal sogar, was ich will, aber ich sehe mich nicht. Dafür brauche ich eine Rückmeldung und die bekomme ich über die Kommunikation mit dem Aussen. Zuerst von meinen Eltern, dann meinen Freunden, meinem Partner, dem Schiedsrichter, dem Finanzamt und der Community, also meiner Spezies. Die Aussensicht hilft mir, meine Existenz zu begreifen. Um diese Aussensicht zu bekommen, muss ich eine Nachricht absenden, auf die reagiert werden kann. Die Kommunikation mit dem Aussen löst eine Reaktion aus, die mein Ich mitdefiniert und mir ganz nebenbei noch die vermeintlich furchtbare Vorstellung nimmt, allein zu sein.


Das Selfie sagt, ich bin hier, ich war hier, es gibt mich und hat mich gegeben. Und doch – würde eine entfernte Spezies in einer entfernten Zeit diese Dokumente der Realität finden – sie müsste spekulieren, eine Fiktion entwerfen, die wiederum gefärbt wäre von ihrer Kultur, ihrem Wissen, ihrem Spektrum der Sinneswahrnehmung. Bei all der Fiktion, Forschung und Versuche ist mir die eine Variante der Geschichtsschreibung zwischen Mensch, Universum und möglichen Kontakten nicht in den Sinn gekommen. Aber jetzt, da sie Prof. Dr. Theisohn formuliert hat, ist sie die Eindrücklichste. «Auch wenn wir Kontakt herstellen würden und uns eine andere Spezies besuchen würde, wer sagt denn, dass wir, die Menschen überhaupt interessant für die Aliens wären? Vielleicht wären für sie die Elefanten viel interessanter.»

Bis dato ist alles, was die Sonden im All gefunden haben, nichts. Steine, Geröll, kalte Orte, heisse Orte. Aber wir sind und bleiben «last man in space». Ohne Freunde, Feinde, ohne Reiz und Reflexion von aussen, die uns in der kosmischen Geschichte verortet, und so machen wir weiter Selfies, suchen und sind «lost in space». Vielleicht schaffen wir es mal auf den Mars, wenn wir so weitermachen mit der Erde müssen wir wohl, nur können wir dann nicht Matthew McConaughey losschicken, der uns zur Musik von Hans Zimmer und motiviert durch das Gedicht «Do not go gentle into that night» von Dylan Thomas über die vierte Dimension ein neues Zuhause schenkt. «Würde man», so Theisohn, «den Mars besiedeln wollen, so bräuchte man zirka 400 Jahre, nur um für ein paar Menschen den Sauerstoff aufzubauen, den es zum Leben braucht.» Bis dahin besiedeln wir das Universum mit Literatur, genährt durch Fantasie, Fakten und Träume. Und bis wir was gefunden haben, schaffen wir uns die Freunde, die wir nicht haben. Schreiben Geschichten, die wir am Lagerfeuer Erde erzählen, am einzigen Ort bis anhin, wo es warm ist und wir nicht allein sind. Rundherum ist Nacht, in der alles sein kann. Hungrige Wölfe oder Töpfe voller Gold.

Bei all der Technik trägt uns die Literatur am weitesten weg, wärmt uns mit einer Wärme die anders ist, tiefer dringt, so wie die Wärme des Feuers tiefer dringt als jede andere. Inzwischen fliegt Golden Record weiter, tiefer ins All und trägt in sich ein immer älter werdendes Bild von uns, während wir weiter am Lagerfeuer sitzen.



Sie trägt ein Bild von uns, dass das wichtigste vergessen hat, das der Mensch zu bieten hat: Forschung und Bildung nämlich, ohne die Voyager nicht möglich wäre, ohne die Golden Record nicht möglich wäre, ohne die dieses Heft, der Druck, das Layoutprogramm, die Uni Zürich und der Wasserkocher nicht möglich wären. Und mit dem Wichtigsten hat sie das vergessen, was das Wichtigste möglich gemacht hat: das Buch und die Literatur. Voyager ist losgezogen mit nur genau einer Abbildung einer Buchseite. Falls uns irgendjemand findet, sind wir eine Zivilisation ohne Bücher. Wir lesen und schreiben nicht. Dabei schreiben wir die ganze Zeit ins Weltall. Wie verrückt. Aber niemand schreibt zurück. Und so sitzen wir weiter am Feuer und führen einen äusseren Monolog mit dem Universum.

Philipp Theisohn ist Professor für deutsche Literatur an der Universität Zürich und leitet das Forschungsprojekt «Conditio extraterrestris. Das bewohnte Weltall als literarischer Imaginations- und Kommunikationsraum 1600–2000».

Hörtipp: Mix von Prof. Dr. Philipp Theisohn und Bit-Tuner auf Soundcloud.

Fotos: Stephan Huwyler



Mark
Podcast

theliver.rocks


theliver.rocks is my podcast dedicated to rock music, created with friends who rock. for each episode we set up two turn tables, and play vinyl we think kicks ass.

www.theliver.rocks


Mark
Reportage medico JOURNAL

Feuer und Fenya


Felix hatte keine Ahnung von Pferden, jetzt hat er Fenya.


Wir wissen nicht, wie alles begann. Wie wissen nur, dass es vor zirka 13.8 Milliarden Jahren begann. Alles, was zum heutigen Universum geführt hat, schlummerte in einem winzig kleinen Punkt namens Singularität. Dann kam der Urknall und mit ihm Sauerstoff, Kühe, Musik, Netflix, Rösti, der Stau am Gotthard, unser Planet Erde und die Frage, woher das alles kommt. Vielleicht ist es sogar für das Universum unmöglich, nichts zu tun, nicht irgendwann zu reagieren, nicht irgendwann den Fussball zu treten, der da auf der Wiese liegt. Ohne Grund, ohne Ziel, einfach, weil es möglich ist und irgendwas in uns drin sagt «tu es». So wie irgendwas in uns drin schlussendlich immer wieder sagt «mach' weiter», trotz allem.

In diesem Moment fühlen wir das Feuer, aber woher der Funke kommt, wissen wir nicht. Genau darum hüten wir das Feuer, lassen es nicht ausgehen. Der Funke ist die Singularität in uns, die einfach da ist und alles beinhaltet, was jemals sein wird, von der wir aber nicht wissen, woher sie kommt, was oder wer sie auslöst. Sie wartet dort in uns, bis ein Funke das Feuer des Lebens entfacht und wir geboren werden, obwohl wir schon lange da sind. Weil wir etwas gefunden haben, dass das Leben in uns gebiert.

Felix hatte so einen Moment, im Frühling irgendwo im Jura. Wie so oft ist er mit dem Motorrad unterwegs. Ein Motorrad, das nach Abenteuer ruft, mit Stollenpneus und Seitenkoffer. Nicht besonders schnell, aber es scheint zäh und zuverlässig. Es ist eher der Muli von Clint Eastwood als Seabiscuit: Bereit für den langen, steinigen Weg, aber an Spitzenzeiten im immer gleichen Rund der Rennbahn nicht interessiert. So steht Felix jetzt, da es Nacht wird an einer Kreuzung im Jura und sucht nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Google schickt ihn zu einem Pferdehof und beeinflusst somit Felix' Leben nachhaltig. Ein Ereignis, das die kaskadische Verbundenheit all unserer Leben skizziert; wer weiss schliesslich, ob Felix und Fenya zueinander gefunden hätten, wäre am 4. September 1998 in Mountain View, Kalifornien, nicht Google gegründet worden?

Am Pferdehof angekommen, entscheidet sich Felix, der bis anhin nur ein oder zweimal im Leben Kontakt mit Pferden gehabt hat, an einem Ausritt teilzunehmen. Aufgrund seiner mangelnden Erfahrung wurde ihm dies erst vom Stallscheff verwehrt, dann liess man die Zügel aber doch ein wenig lockerer und man gab ihm Fenya. Die sei nämlich gemäss Stallscheff «kein Pferd, sondern eine Lebensversicherung».

Es war Liebe auf den ersten Ritt. Nicht diese Liebe, die auf Lebkuchenherzen verschenkt wird oder mangels intensiver Auseinandersetzung schnellschnell per Emoji-Küsschen im Chat versandt wird. «Ich habe mich in dieses Pferd verliebt», sagt mir Felix, der erwachsene Mann und Geschäftsführer seiner selbst gegründeten Internet-Agentur. Auch Fenya schien Gefallen an Felix zu finden, hat sie ihm doch nach dem ersten Ausritt die Hände abgeschleckt. Was das in Pferdesprache heisst, weiss ich nicht, aber ich unterstelle diesem Ausdruck Zuneigung. Viele würden wohl von so einer Romanze träumen. Unverhofft, leicht und gegenseitig.

Felix muss zurück nach Zürich, die Arbeit ruft. Mit den Kilometern, die er sich von Fenya entfernt, spürt er, wie das neu gewobene Band zwischen ihm und ihr immer stärker zu ziehen beginnt, und, wie bei einem Gummiband, der Widerstand Kilometer um Kilometer zunimmt. Auf einem Pass angekommen, denkt er sich: «Pferdewandern, das wäre schön. Langsam, ruhig, ohne Menschen und doch nicht alleine.»

Spätestens hier merkt Felix, dass das kein Ferienflirt war, dort im Jura. Wenn man beginnt, sich eine gemeinsame Zukunft vorzustellen, wird es ernst. Und es war ernst, denn die Gedanken an diese Zukunft liessen ihn nicht mehr los. Erklären konnte er es sich nicht, aber wer kann das schon. Warum mir gerade die oder der so einfährt; so eine wie die oder den wollte ich doch nie und eigentlich fand ich die oder den immer doof. Und dann doch, ist es einfach so, es entfacht ein Funke ein Feuer, dessen Wärme man insgeheim vermisst hat. Eine Wärme, die man so sehr vermisst hat, dass man gar nicht wusste, dass sie dich so wärmt. Wie auch. An diesem Ort war es so kalt, dass du dort nie hingegangen bist. Dort wächst nichts, denkst du, aber dann kommt jemand und erweckt genau diesen Ort zum Leben. So, wie du im anderen ein Feuer entfachen kannst. So kommt ihr zusammen, weil ihr wisst, wenn wir es schaffen, dieses Feuer zu hüten, kann uns keine Dunkelheit etwas anhaben.

In Felix kämpft es. «Was soll ich mit einem Pferd. All diese Arbeit, all dieses Geld. Dann ist es ja noch ein Lebewesen, das kann ich nicht einfach in der Garage überwintern wie meinen Töff. Das will geputzt, gefüttert und bewegt werden. Eine persönliche Beziehung soll man auch noch aufbauen. Jesses.» Felix versucht, die emotionale Bindung zu Fenya zu trennen, seine Gefühle für diese stämmige Kaltblüterin abzutöten. Wenn schon ein Pferd, dann was Rassiges. Nicht so ein Arbeitspferd, so einen Panzer.

Und dann war es entschieden. Felix fährt über den Sommer jedes Wochenende in den Jura um Fenya zu besuchen. Es war seit dem ersten Treffen entschieden, aber der das Feuer entfachte so schnell, dass man es erst sah, als es lichterloh brannte. Man musste es nicht langsam entfachen und die Flamme vom Zunder übers Anfeuermaterial zum Brennmaterial bitten. Nein, es war einfach Felix, Fenya, Funke, Feuer. «Es geht nicht darum, dass es ein Pferd ist», sagt Felix. «Mir gefällt Fenya einfach als Lebewesen, als Charakter.»

Und wie immer nach der ersten Verliebtheit beginnt jetzt die Arbeit für das gemeinsame Miteinander. Wie lebt man zusammen, wieviel Freiheit braucht man, will man, wie kommuniziert man miteinander, was nervt, was gefällt, welche Kompromisse geht man ein. Zusätzlich ist für Felix diese Pferdewelt komplett neu. Als Geschäftsführer einer Agentur für Weblösungen in Zürich und in Zürich wohnhaft, ist er eine andere Haptik und andere Kommunikationsarten gewohnt. Von Maschinenlogik geprägte Codezeilen bestimmen seinen Alltag, seine Band «Bläss» prägt seine Freizeit. Jetzt wurde so vieles neu, dass es Felix oft den Atem verschlug.

Die ersten Kontakte mit Fenya waren stets geprägt von einem mulmigen Gefühl. Er mochte Fenya fest als Lebewesen, aber der Umgang mit einem Pferd war zu ungewohnt. Es half Felix auch nicht, dass jeder Experte eine andere Meinung zum Umgang mit Pferden hatte. Felix wurde nervös. Wollte er Fenya nach Zürich holen, musste er den Umgang mit ihr bis zum Herbst erlernt haben. Wie putze ich sie, wie rede ich mit ihr, wie bin ich dominant genug ohne die Wärme vermissen zu lassen. «J'arrive pas avec le sabots», bittet Felix den Stallscheff verzweifelt um Hilfe. Dieser lädt Felix erst mal auf ein Glas Wein ein. Vielleicht die jurassische Art ihm zu sagen «ganz ruhig, Brauner, das wird schon». Vorab wurde es aber nichts. Felix plagten Angstattacken, die er mit Atemübungen bekämpfte. Beim ersten Reitversuch wurde er von Fenya abgeworfen. «Aber nur ganz sachte, ich landete direkt neben ihren Füssen», nimmt Felix Fenya in Schutz. Er mag sie wirklich sehr. Das sieht auch der Stallscheff und lässt Fenya mit Felix ziehen.

Fenya lebt jetzt in Fällanden auf dem Bollenrütihof, einer Pferdepension mit weiten Feldern und sehr sympathischen Gastgebern. Felix fährt mit seinem Motorrad täglich zu Fenya um sie zu besuchen, sie zu putzen, mit ihr zu reden und sie im Round-Pen laufen zu lassen. Ich besuche Felix auf dem Hof in Fällanden, nachdem wir über seine Geschichte geredet haben, in der Woche zuvor bei einem Bier. Jetzt, am Hof, gibt es kaum noch etwas zu sagen. Felix kümmert sich um Fenya, andächtig, gleichzeitig in sich verloren und aufmerksam. Unten am Hang, an dem der Hof liegt, sammelt sich der erste Herbstnebel, Pendlerautos fahren von da nach dort. Felix führt Fenya in den Round-Pen, wo sie zum ersten Mal galoppiert, seit sie mit Felix zusammen ist.

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Do not let your fire go out, spark by irreplaceble spark in the hopeless swamps of the not-quite, the not-yet, and the not-at-all. Do not let the hero in your soul perish in lonely frustration for the life you deserved and have never been able to reach. The world you desire can be won. It exists, it is real, it is possible, it's yours.

– Ayn Rand


Bilder: Stephan Huwyler

Übrigens, in Fenyas Pferdepension sind noch Plätze frei. Infos unter bollenruetihof.ch
 Und was Felix sonst so macht sehen Sie unter flxlabs.com

Mark